Psychose – Die Welt in meinem Kopf

Psychose? - Tim nimmt uns mit auf eine Reise in seinen Kopf

Gastautor Tim berichtet über seine Erfahrungen mit einer Psychose und nimmt uns mit auf eine Reise in seinen Kopf.

„Ich habe dir das grad wirklich erzählt, oder?“ Sie beginnt zu weinen. Ich habe nicht nur einmal Menschen mit auf meine Trips nehmen können. Es ist mehrmals passiert, dass jemand für einen kurzen Moment verstand, was ich dachte und fühlte. Diesmal hatte ich meiner Freundin erzählt, dass ich als Kind sexuell missbraucht wurde. Heute glaube ich selbst nicht mehr daran. Es waren bruchstückhafte Erinnerungen, die ich psychotisch verarbeitet habe. Ach so, Psychose, das muss ich erklären. Wo soll ich anfangen? Am besten bei mir selbst.

Wenn man ein Kind ist, kann keiner vorhersagen, auf welche Art man erwachsen wird. Man kann Kinder wiedererkennen, wenn man sie im Erwachsenenalter wieder trifft. Aber die Erfahrungen auf dem Weg dorthin sind so vielseitig, das kann keiner nachvollziehen. Also stell dir vor, du bist 18, gesund, sportlich und beliebt. Du hast gute Freunde und viele Bekannte, bist relativ gut in der Schule, hast eine Freundin. Sogar zu Hause herrscht „heile Welt“. Vielleicht hast du die Gewohnheit, zu viel zu kiffen, aber das machen andere auch.

Plötzlich beginnen die Leute hinter deinem Rücken zu reden, oder flüstern sich Dinge zu, wenn du Straßenbahn fährst. Das du anders bist, beginnst du jetzt zu begreifen: „Irgendwas stimmt nicht mit mir.“ Was schleichend beginnt kann dein Leben komplett auf den Kopf stellen, wenn es sich entwickelt. Denn es bleibt nicht bei den harmlosen Gesprächen über dich. Deine ganze Umwelt beginnt, mit angsteinflößenden Situationen auf dich einzuprasseln. Du lässt dir nichts anmerken. Hoffst, dass es nur eine Phase ist und schnell vorbei geht. Aber: Es baut sich langsam immer mehr auf und verfolgt dich in immer mehr Situationen. Du gehst ungern aus dem Haus, weil die Paranoia, die du jetzt entwickelst, in jeden Bereich deines Lebens dringt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das schiefgeht.

Wie es begann

Ich bin zu Hause, es ist Mitternacht. Draußen braut sich ein Gewitter zusammen. Ich klettere aus dem Fenster, barfuß, gehe die Straße hinab. Ein Auto kommt mir entgegen, ich stehe mitten auf der Fahrbahn. Als die Scheinwerfer mich erfassen, macht es eine Vollbremsung und biegt mit quietschenden Reifen ab. Ich gehe in eine Seitenstraße. Vor mir die Laternen zu beiden Seiten der Straße und über dem Horizont das Gewitter, in dem die Blitze zucken. Ich gehe darauf zu. Ein Donnerschlag, ein Blitz, und plötzlich bricht etwas in meinem Kopf auf – als hätte mein ganzes Leben auf diesen Moment hingeführt. Als hätte Gott selbst seine Hand ausgestreckt und mich entzündet. Ich weiß genau, wenn ich weitergehe, muss ich sterben. Aber ich will nicht sterben, nicht jetzt. Meine Zeit ist noch nicht um! Ich renne nach Hause, steige zurück durchs Fenster in mein Zimmer. In meinem blitzenden Schatten sehe ich ein paar glühende, rote Augen. Der Teufel. Es sollte nicht meine letzte Begegnung mit ihm sein.

Meine Trips

Meine Trips waren überwältigend und inspirierend, aber ebenso furchteinflößend und verwirrend. Ich traf Propheten, gute und böse Engel, ich begegnete dem Teufel nicht nur einmal und ich löste bei manchen Menschen die eigenartigsten Verhaltensweisen aus. Wer einmal eine Psychose hatte, kennt vielleicht die Art der Wahrnehmung, die mich auf diese Reisen schickte. Alles, was um mich herum geschah, bezog sich auf mich.

Viele Leute sagen, dass man in heutzutage von Informationen und Reizen überflutet wird. Das stimmt. Aber stell dir vor, du könntest das alles nicht mehr filtern – sei es ein Werbeplakat, ein Autokennzeichen, ein buntes Kleidungsstück an einem Passanten, oder auch das Brummen der Großstadt, hupende Autos und Gesprächsfetzen, die ununterbrochen deine Wahrnehmung beeinflussen.

All das führt dazu, dass man ein Wahnkonstrukt aufbaut, welches Außenstehende nicht nachvollziehen können. Das beschreibe ich gerne wie ein Haus. Ich sitze darin, erhalte ständig neues Baumaterial und muss dieses immer gleich verbauen. So wird mein Haus immer größer und komplexer, solange, bis nur noch ich mich darin auskenne. Wenn die akute Psychose vorbei ist, ist das Haus immer noch da. Aber nun kann ich es von außen betrachten und verstehen, dass das, was ich dachte, nur für mich real war.

Mein Wahnkonstrukt war, dass ich ein Engel war, der die Welt vom Teufel befreien muss. Aber es gibt auf der Erde auch böse Engel, die mich verfolgten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie versuchen würden, mich aufzuhalten. Verfolgt von bösen Engeln und auf einer wichtigen Mission die Welt zu retten. Verrückt, oder? Aber das ist eine typische Interpretation der psychotischen Wahrnehmung.

Zurück ins Leben

Ich finde mich in einem psychiatrischen Krankenhaus in England wieder. Dass ich in England gelandet bin war Zufall – genauer gesagt hatte es damit zu tun, dass ich bestimmten Zahlen und vor allem Farben gefolgt bin, die für mich eine besondere Bedeutung hatten. Das heißt man kann sich das nicht wie Urlaub vorstellen. Meine Reise war durchweg von Paranoia und Wahnvorstellungen geprägt und diente für mich nur meiner „Mission“. Mit etwas mehr Pech hätte ich auch in Russland landen können. In der Einrichtung in England hört mein Trip auf. Ich lasse mich überreden, Medikamente zu versuchen. Der Wahn, in dem ich gelebt habe, beginnt langsam zu verschwinden. Ich beruhige mich und die Angst löst sich auf. Leider geht der Prozess der Heilung mit Medikamenten mit starken Nebenwirkungen einher: Ich nehme in vier Monaten 30 Kilo zu. In den sauren Apfel muss ich beißen.

sicherer Hafen?

Für mich war es wichtig, einen Ansprechpartner zu haben. Jemanden, dem ich alles erzählen kann und der mich nicht für irgendetwas verurteilt. Glücklicherweise habe ich so eine Person gefunden. Dieser sichere Hafen, diese Vertrauensperson ist bei psychischen Problemen unbezahlbar! Wenn man niemanden hat, der einen unterstützt und weiterbringt, dann leidet man doppelt und schafft es vielleicht nie zurück ins Leben.

Ich glaube, dass die Psychose einfach die Art für mich war, erwachsen zu werden. So schlimm es auch manchmal war, will ich es nicht missen, weil es mich dahin gebracht hat, wo ich heute stehe. Ich rauche, kiffe und trinke nicht mehr. Ich bin zufrieden, habe bald meine Ausbildung hinter mir und möchte studieren. Das Leben führt einen manchmal auf Abwege. Aber wenn wir daraus lernen, sind dies keine Umwege, sondern sie bringen uns weiter.

Zum Schluss möchte ich noch etwas loswerden: Wenn du dich schlecht fühlst, permanent Angst hat oder dich verfolgt fühlst, bitte, scheue dich nicht, Hilfe anzunehmen. Wenn du es da raus geschafft hast, kannst du Dankbarkeit zeigen.


Psychose – Was ist das?

Unter einer Psychose versteht man Erkrankungen, die sehr umfassend das Denken und Fühlen, die Wahrnehmung, den Antrieb und Willen sowie das Erleben einer Person beeinflussen und verändern. Sie verläuft meistens in Phasen, es gibt akute Phasen und weitgehend symptomfreie Zeiten, die in der Regel deutlich überwiegen. Die meisten erleben immer wieder akute Phasen und Rückfälle. Bei etwa 10 bis 20 Prozent der Betroffenen bleibt es aber bei einer einzigen akuten Episode.

Medikamente gegen Psychosen heißen Antipsychotika. Die Behandlung mit Antipsychotika ist sinnvoll: Dadurch kann das Rückfallrisiko im ersten Jahr auf 20 Prozent gesenkt werden.

Die meisten Betroffenen versuchen zu verstehen, welchen Sinn die Psychose in ihrem Leben hat. Es gibt viele Hinweise darauf, dass die Krankheitsbewältigung besser gelingt, wenn sie einen solchen Sinn erkennen können.

An einer Psychose erkrankt zu sein bedeutet nicht, permanent krank oder von Erkrankung bedroht zu sein. Die gesunden, symptomfreien Zeiten überwiegen bei den meisten Betroffenen. Allerdings muss man sich aktiv darum kümmern, stabil zu bleiben. Die wichtigste Maßnahme gegen eine neue psychotische Episode ist die Beachtung von Frühwarnzeichen.

In Krisenzeiten fällt es schwer, zu überlegen, was man für sich tun kann. Deshalb sollte man in ruhigeren Lebensphasen einen Plan und entsprechende Strategien für Hilfe erarbeiten. Besonders hilfreich ist es, dies in einem Krisenplan festzulegen.

Quelle: Matthias Hammer und Irmgard Plößl: Irre verständlich – Menschen mit psychischer Erkrankung wirksam unterstützen. 3. Auflage, Psychiatrie Verlag 2015, zusammengefasst unter www.psychiatrie.de/psychische-erkrankungen/psychosen.html.

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