Grenzen des Small Talks – Ein Gespräch in der Bar

Zwei Personen stehen sich mit einem Glas in der Hand gegenüber. Zwischen Ihnen ist ein Blitz. Sie unterhalten und streiten sich.

Ein verregneter Sonntagabend, irgendwann zwischen erstem und zweitem Lockdown. Ich sitze in einer Bar, auf den Bildschirmen irgendein Fußballspiel. Meine Freundin, mit der ich mich eigentlich auf ein Bier treffen wollte, hat kurzfristig abgesagt. Ich bin jedoch nicht allein, denn wir waren dort mit ihren Freunden verabredet. Da ich nichts anderes vor habe, entscheide ich mich zu bleiben.

Da bin ich nun, und finde mich in einer bunt gemischten Runde aus Leuten wieder, die ich kaum bis gar nicht kenne. Menschen, mit denen ich den üblichen Small Talk führe. Was studierst/arbeitest du? Was machst du in deiner Freizeit? Was tust du als erstes, wenn Corona vorbei ist? Was willst du später mal werden?

Fragen, die dem Anschein nach darauf abzielen, mehr über die Person zu erfahren, aber doch nur an der Oberfläche kratzen. Dazwischen immer wieder unangenehmes Schweigen, Nippen am Glas, den Blick durch den Raum schweifen lassen. Doch auch nach einiger Zeit des Fragenstellens wissen wir nicht wirklich viel mehr übereinander; so jedenfalls mein Gefühl. Small Talk at it‘s best, sozusagen.

Der Abend plätschert so vor sich hin und ich bin müde von der Woche, die hinter mir liegt. Gleichzeitig fühle ich mich immer unwohler in der Situation und bereite mich darauf vor, nach Hause zu gehen. Doch dann schwingt das Gespräch plötzlich um, und das Thema psychische Erkrankungen kommt auf. Mein Gegenüber fängt an, von seinem Mitbewohner zu erzählen, der sich wohl immer wieder ‚komisch‘ verhält. Sich in seinem Zimmer einschließt, Alkohol missbraucht, und im betrunkenen Zustand Dinge sagt wie: „Vielleicht werde ich morgen vom Bus überfahren, wär ja dann auch egal“ oder „es stört doch eh niemanden, wenn ich tot wär“. Meine Alarmglocken läuten und ich bin wieder hellwach. Ich versuche, mehr über die Person herauszufinden. Weiß mein Gesprächspartner, ob sie irgendwelche akuten Probleme oder psychischen (Vor)Erkrankungen hat?

Fehlanzeige. Er kann mir nicht wirklich etwas darüber sagen. Sie leben eher in einer Zweck-WG und er habe ihn schon immer etwas seltsam gefunden. Und dann sagt mein Gegenüber: „Ich kann nicht verstehen, wie man so sein kann. Also ich war in meinem Leben auch schon oft sehr deprimiert. Aber wenn es mir doch so schlecht geht, dann tu ich doch was dagegen.“

Kurz halte ich Inne. Das Stigma hat mich mit voller Wucht erwischt. Noch gerade rechtzeitig kann ich die Welle aufhalten, bevor sie aus mir heraussprudelt. Eine Welle von Fragen und Anregungen. Doch ich weiß, dass es nichts bringen wird, den anderen jetzt damit zu bombardieren.

Also atme ich erst einmal tief durch, und versuche zu erklären, dass es einen gravierenden Unterschied gibt zwischen ‚mal deprimiert sein‘ und an einer Depression erkrankt zu sein. Dass jemand mit einer ernsthaften psychischen Erkrankung nicht „einfach etwas dagegen tun kann“. Dass diese Person sich nicht einfach besser fühlen kann, indem sie eine Art Schalter umlegt. Dass Betroffene psychischer Erkrankungen oft nicht in der Lage sind, eine solche Erkrankung oder Krise alleine zu bewältigen. Dass sie sich nicht einfach selbst retten können.

Versteht mich nicht falsch, ich möchte nicht schlecht über die Person urteilen, die diese Dinge gesagt hat. Das Problem ist größer: Die Akzeptanz und Offenheit für das Thema fehlt einfach. In unserer Gesellschaft wurden und werden psychische Erkrankungen stigmatisiert, an den Rand gedrängt, tabuisiert, ausgeschlossen. Das Thema ist mit zu vielen Vorurteilen behaftet, führt zu schnell dazu, dass jemand verurteilt wird.

Wie groß das Stigma wirklich ist, merkte ich auch als ich versuchte, mit meinem Gegenüber darüber zu sprechen, dieser aber abgeblockt hat. Und ich habe gemerkt, wie sich sein Blick veränderte, als ich andeutete, dass ich selbst Erfahrungen mit dem Thema habe. Ob ich selbst betroffen war, oder ob ich ‚nur‘ Betroffene kenne, habe ich nicht einmal gesagt –trotzdem: Wie er mich angesehen hat, war plötzlich anders.

An diesem Abend habe ich eine Grenze des Small Talks erlebt, und sie heißt: Mental Health. Irgendwie hätte ich das auch schon vorher wissen können, trotzdem hat mir dieses Erlebnis das Ganze noch einmal anders vor Augen geführt. Und klar, irgendwo kann man das auch verstehen. Denn beim Small Talk geht es ja nicht darum, jemandem sein ganzes Leben zu erzählen, sein Innerstes zu offenbaren. Im Gegenteil: Er ist eher dafür da, über Lockeres und Leichtes zu reden, um jemanden ein bisschen kennenzulernen, oder um die Zeit zu überbrücken; so zumindest meine bisherige Small Talk-Erfahrung. Gleichzeitig zeigt das aber auch die gesellschaftliche Norm, dass tiefgründige Gespräche über ‚unangenehme‘ Themen hier fehl am Platz sind. Mentale Gesundheit gehört definitiv dazu.

Das regt mich auf. Denn abgesehen davon, dass so das Stigma noch mehr gefestigt wird, führt es dazu, dass Betroffene immer wieder die Erfahrung machen, sie könnten nicht offen mit ihrer Erkrankung umgehen, weil sie sonst verurteilt oder nur darüber definiert werden. Das ist etwas, was schon viel zu lange passiert und was sich definitiv ändern muss. Aber solch tiefsitzende Normen dauerhaft und weitreichend zu beeinflussen, kann keine:r von uns von heute auf morgen bewirken.

Doch wenn über jemanden gesprochen wird, der mit psychischen Problemen zu kämpfen hat, kann ich nicht einfach weghören. Das sollte niemand. Auch wenn man den Menschen nicht kennt, um den es geht. Trotzdem wusste ich in der Situation nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich merkte, dass ich meinem Gegenüber trotz seiner unterschwellig ablehnenden Haltung gerne Ratschläge angeboten hätte, was er für die erwähnte Person tun kann. Aber in diesem Moment war ich zu perplex, irgendwie überrumpelt, und hatte nichts derartiges parat.

Diese Gedanken habe ich mit nach Hause genommen, als ich spät am Abend die Bar verließ. Und sie beschäftigen mich noch heute.

Wir bei Locating Your Soul versuchen unseren Beitrag zu leisten, indem wir Themen auf unserem Blog und auf Instagram ansprechen, mit Betroffenen reden, und Euch nach euren Erfahrungen fragen. Aber es gibt noch weitere Möglichkeiten, wie jede:r von uns dazu beitragen kann, dass Stigma Stück für Stück abzubauen. Meine LYS-Kollegin Mandy zum Beispiel schreibt und spricht als Betroffene darüber und drückt sich auch tänzerisch zum Thema aus. Man kann aber auch darüber singen (wie z. B. die Sängerin Marie Luise Gunst) oder es einfach nur bei einer/einem nahen Angehörigen ansprechen.

Das Ziel ist dabei immer das gleiche: Psychische Erkrankungen zum Thema machen und darüber sprechen. Wenn man dazu nicht in der Lage ist – aus welchen Gründen auch immer – ist das in Ordnung, denn jede:r sollte nur das tun, womit sie/er sich wohl fühlt. Normalität und Akzeptanz für das Thema mentale Gesundheit können wir jedoch nur erreichen, wenn es präsenter wird. Das heißt nicht, dass wir es immer und in jeder Lebenslage thematisieren müssen. Aber wenn man darüber reden kann und wenn man das Gefühl hat, dass es in einer Situation gerade wichtig ist, dann sollte man es auch tun, finde ich.

Vielleicht ja schon beim nächsten Bier (oder Wein, oder Apfelsaft) in der Bar? Auch wenn ich keine Tipps dafür habe, helfen meine Erfahrungen vielleicht dabei, es beim nächsten Mal besser zu machen.

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