Grenzen, Flucht, Heimat & das Ding mit der Seele

Grenzen auf einer Landkarte

Flucht, Migration, Grenzen zwischen Ländern. Und was macht das mit der Seele? – Ein Interview mit Kassandra Lewicka.

Menschen. Das sind wir. Doch oft zählt das nicht. Grenzen zwischen den Ländern bleiben nämlich nicht dort, sondern werden manchmal wortlos, manchmal laut zwischen Menschen gezogen. Gemein und ohne Verstand. Anstatt dass die bunte, persönliche und kulturelle Diversität von uns Menschen entdeckt wird, wird man häufig mit ausgestreckter Hand auf Distanz gehalten. Es werden unsichtbare Mauern aufgerichtet. Du bist anders! Du gehörst nicht zu uns. Es ist dieser Alltagsrassismus. Das Manifest steht ihnen schon auf der Stirn geschrieben: Du gehörst nicht zu uns.

Wer ist uns?

Das frage ich mich. Sobald man nicht aus diesem Land kommt, ist die Grenze gezogen. Wir werden getrennt, obwohl uns doch so viel verbinden könnte. Die vielen Geschichten. Warum gibt es Grenzen? Warum sind sie so viel mächtiger, als sie scheinen?

Was die Seele dadurch mit sich trägt, erzählt in meinem folgenden Interview Kassandra. Sie ist als Teenager mit ihrer Mutter aus Polen emigriert und lebt seitdem in Deutschland.

Wieso bist du nach Deutschland gekommen?

Polen der 80er Jahre war schwer zu ertragen. Wirtschaftlich und politisch: Lebensmittelkarten, Perspektivlosigkeit, politische Indoktrination, fehlende Meinungsfreiheit. Meine Mutter war kein Parteimitglied, was für eine Lehrerin problematisch war – man hat eine klare Positionierung erwartet. Aus diesem Grund war es ihr z.B. unmöglich, zeitnah eine Wohnung zu bekommen. Sie und ich hausten in einer winzigen Dienstwohnung, bestehend aus einem kleinen Zimmer mit Kochnische und Badezimmer. Sie wollte für sich und für mich etwas Besseres als das. Wir haben Deutschland angesteuert, denn als deutschstämmige Schlesierinnen hatten wir den Spätaussiedlerstatus. Mit je einem Koffer und versteckten Geburtsurkunden ging es 1987 nach Frankfurt am Main, von dort – mit einer Zwischenstation im Aufnahmelager Friedland – ins Rheinland.

Was musstest du zurücklassen? Dabei geht es ja meistens nicht nur um Familie und materielle Dinge, sondern auch um Gefühle wie Geborgenheit oder Sicherheit.

Vor allem Menschen, die man liebte oder mochte. Größtenteils ohne Abschied, denn die Ausreise erfolgte mit Touristenvisum. Also in absoluter Verschwiegenheit über die Absicht, nicht zurückkommen zu wollen. Hätten die Behörden Wind davon bekommen, hätte man uns nie wieder einen Pass ausgestellt. Es war auch ungewiss, wann wir uns wiedersehen würden. Mit etwa fünf Jahren haben wir gerechnet. Dann hätte man unbestraft zurückkommen und wieder ausreisen können. Dass bereits in zwei Jahren die politische Wende kommen und der Eiserne Vorhang fallen würde, damit hat keiner gerechnet. Diese Unwissenheit über ein Wiedersehen war besonders quälend.

Wie hat sich das neue Leben in einem neuen Land angefühlt?

Fremd und auch überfordernd. Die Farben, die Gepflogenheiten, die Vielfalt. Und die Sprachbarriere. Die Unfähigkeit, sich auszudrücken, zu vermitteln, wer man ist und was man denkt. Es war lähmend, niederschmetternd, machte einsam.

Hast du Diskriminierung oder Benachteiligungen erlebt?

Sprach man in den 80ern Jahren Polnisch in der Öffentlichkeit, gab’s schon mal abfällige Blicke oder Kommentare. Als ich in einem Zeitungsladen ein Schülerpraktikum absolvierte, kündigte ein Kunde demonstrativ an, er habe nicht vor, dort einzukaufen, solange „diese Polin“ dort arbeiten würde. Der Inhaber ergriff höflich, aber unmissverständlich meine Partei. Ich war ihm sehr dankbar, die Verletzung saß dennoch tief. Polnische Muttersprachler*innen tauchten in der Öffentlichkeit also kaum auf. Verstummt – aus Selbstschutz und aus falsch verstandenem Ehrgeiz, sich bis an die Schmerzgrenze zu integrieren.

Mit „Wir Strebermigranten“ nimmt Emilia Smechowski dieses Phänomen in ihrem Buch unter die Lupe. Und Peter Oliver Loew widmet sich dem Thema „Wir Unsichtbaren: Geschichte der Polen in Deutschland“. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich den Reflex ablegen konnte, Polnisch in der Straßenbahn nur im Flüsterton zu gebrauchen. Harald Schmidts genüsslich zelebrierten „Polenwitze“ in den 90ern waren für die Akzeptanz von Polen in der deutschen Gesellschaft auch nicht sehr hilfreich, aber das ist jetzt eine andere Geschichte.

Wie konntest du trotzdem gut im neuen Land ankommen?

Durch glückliche Umstände. Und das bedeutet, wenn BEIDE SEITEN bereit sind, einander zu begegnen. Nur so werden Grenzen im Kopf überwunden. Sprache zu lernen, ist für einen Fremdling eine „Conditio sine qua non“ – eine absolute Bedingung, um Türen zu öffnen. Ein Fremdling muss sich jedoch willkommen fühlen. Wenn die Einheimischen dich übersehen, Desinteresse oder Überlegenheit (materielle, soziale usw.) spüren lassen, wirst du dich immer mehr zurückziehen. Ein Teufelskreis entsteht. Bei mir funktionierte beiderseitige „Zuarbeit“ – ein Idealfall. Ich habe Freundinnen und Freunde gefunden – und ein neues Zuhause. Das ich nie mehr verlassen möchte.

Wie ist der Kontakt zu deiner „alten“ Heimat heute? Mit welchen Gefühlen lebst du in Deutschland? Welchem Land fühlst du dich zugehörig? Bist du zerrissen?

Keine Zerrissenheit mehr, die in den ersten Jahren der Übersiedlung unvermeidlich war, denn Grenzen überwinden und heimisch zu werden geschieht durch komplexe Prozesse und alle haben und brauchen ihre Phasen. Heute lebe ich als glückliches Hybrid, heimisch in zwei Sprachen, von zwei Kulturen geprägt und zehrend, selbstverständlich beheimatet auf beiden Seiten der geografischen Grenze. Die österreichischen und die französischen Wurzeln meiner Vorfahren geben mir zusätzlich das Gefühl, durch und durch eine Europäerin zu sein.

An dieser Stelle ein großes Dankeschön an Kassandra für ihre Offenheit!

Welche Rolle spielen Grenzen für mich?

Nach einigen Jahren in Deutschland bekam Kassandra eine Tochter. Dieses Kind, naja… Das bin ich. Emilia. Ich erzähle euch, welche Rolle Grenzen für mich spielen und welche Gefühle und Erfahrungen mich begleiten.

Eigentlich verbinde ich meine Kindheit gleichermaßen mit beiden Ländern. Keines mehr als das andere. Ich kenne beide Kulturen, trage beide Sprachen in mir. Doch oft frage ich mich, wo meine Heimat ist. Es ist das Gefühl nirgendwo ganz dazuzugehören. Oft fühle ich mich bei beiden Familientreffen nicht vollständig angenommen, doppelt nur zu Besuch, denn es wird diese wortlose und unsichtbare Mauer aufgestellt. Wovor haben die Menschen Angst? Fremd in der eigenen Heimat. Kein schönes Gefühl.

Grenzen und Alltagsrassismus

Eine Rolle spielt auch Alltagsrassismus, den ich zu Anfang erwähnte. Vielleicht in einem minderen Ausmaß, jedoch ist er da. Meistens möchten die Leute nichts Böses, vielleicht fällt mal eine für sie witzige Bemerkung mit Klischees. Was sie aber ohne Hintergedanken äußern. Ein Beispiel: Ich unterhalte mich mit jemandem über das Wetter, Ereignisse oder Traditionen und ich werde gefragt: „Wie ist das denn bei euch?“ In beiden Ländern passiert mir das selbe. Mir wird unterstellt, hier nicht dazuzugehören, sondern in das jeweils andere Land. Ich bekomme Komplimente über meine Sprachkenntnisse, welche mehr oder weniger überflüssig sind. Das ist, wie People of colour auf Englisch anzusprechen, weil man davon ausgeht, er oder sie könne bestimmt kein Deutsch. Alltagsrassismus.

„Dann muss ich bei dir ja gut auf meine Sachen aufpassen”

Der Klassiker unter blöden Bemerkungen ist: „Dann muss ich bei dir ja gut auf meine Sachen aufpassen“ – darauf bezogen, dass die Polen alle stehlen würden. Dazu hat mir mein Mutter mal von einer interessanten Situation erzählt. Jemand äußerte ihr gegenüber, dass die Polen ja dafür bekannt wären, dass sie klauen. Meine Mutter fragte: „Waren Sie schon mal dort?“ „Ja“, antwortete er. Darauf fragte meine Mutter ihn, ob er den Diebstahl denn zur Anzeige gebracht hätte. Seine Antwort war legendär: „Nein, wieso, ich wurde doch gar nicht beklaut!“. „Aha“, stellte meine Mutter fest. „Also klauen vielleicht doch nicht alle Polen?!“ „Naja, man hört ja viel davon.“ Meine Mutter sagte: „Also stellen wir fest, nicht alle Polen klauen, sondern manche, genauso wie auch manche Deutsche und auch manche aus anderen Ländern.“ Ich liebe dieses Beispiel.

Bis auf solche eher seltenen Alltagssituationen ist das Thema meiner Herkunft still. Außer in mir. Es ist sogar sehr laut. Ich bin immer auf der Suche nach Klarheit. Mein Herz antwortet mir, dass es okay ist, beiden Ländern das Wort Heimat zuzuordnen. Ich kann mich nicht auf nur eines einlassen. Vielleicht aus Angst, den anderen Teil zu verlieren. Aber… Kann eine Heimat denn nur eine sein? Vielleicht braucht es keine(n) Antw(ORT). Vielleicht geht es nicht einmal um Orte.

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