Borderline-Zwischen Suchen und Finden

Zwischen Suchen und Finden

Borderline und meine ersten Erfahrungen: Auf der Suche nach einer ambulanten Psychotherapie telefonierte ich mir die Finger wund, fand aber schlussendlich jemanden, der mir einen Kennenlerntermin in einigen Wochen anbot. Gut vorbereitet und hoffnungsvoll ging ich in das Gespräch. Als mich mein Gegenüber nach Diagnosen fragte antwortete ich: „Mittelgradige depressive Episode und emotional instabile Borderline-Persönlichkeitsstörung“.

Seine Reaktion hätte ich gerne auf Band. Ich war komplett fassungslos und stand die nächsten Stunden leicht neben mir. Versuchte es nicht persönlich zu nehmen. Er sagte „Nun gut, also dann sollten wir das Gespräch an dieser Stelle beenden, denn mit Borderlinepatienten arbeite ich nicht.“ (Gendern gabs damals noch weniger als heute).

Das war eine krasse Erfahrung. Verwirrt und vor den Kopf gestoßen wusste ich nicht genau, was ich sagen sollte. „Aha“, brachte ich hervor, während ich begann meine Jacke von der Stuhllehne zu nehmen und zu gehen. Retrospektiv würden mich seine bisherigen Erfahrungen mit Menschen mit Borderlinediagnose interessieren. Die Person zog eine klare Grenze. Ich fühlte mich verurteilt und verstoßen. Minderwertig. Stigmatisiert und ratlos. Mein soziales Umfeld bot mir Rückhalt und fing diese Krise, wie so einige andere Krisen auch, mit mir auf. Erst mit der Zeit und auch im Laufe der Therapien lernte ich für mich selbst in heiklen Momenten gut zu sorgen und Halt zu finden, ohne auf mein Umfeld angewiesen zu sein.

So many tears I cried, so much pain inside

Klinikaufenthalte, abgebrochene Therapien, Beziehungschaos, Unsicherheiten. Schmerz aus der Vergangenheit. Fehlende Perspektive und mangelndes Selbstvertrauen bestimmten zeitweise meinen Alltag.

Borderline-Diagnose: Ich bin doch mehr als meine Erkrankung

5 von 9 Kriterien müssen erfüllt sein zur Diagnosestellung. Damals nach einem 20 minütigen Gespräch mit einer fremden Stationsärztin hatte ich auf einmal Borderline. Keine Aufklärung. Aber einen neuen Stempel. Verwirrung pur. Nicht mehr nur depressiv. Draußen im Klinikgarten las ich dann den Wikipediaartikel. Nach 3 Tagen brach ich den Klinikaufenthalt ab. Das Klischee (von dem ich damals noch nichts wusste) war erfüllt.

Borderline Selbsthilfebücher und lange Nächte [1]

Durch Selbsthilfebücher hab ich mich plötzlich so unfassbar verstanden gefühlt aber zeitgleich auch so verloren. Einordbar in ein Schema, das auf jede X Beliebige Person im Teenageralter zutreffen könnte. Ich fühlte mich abgewertet durch diese Diagnose, in eine Schublade gesteckt. Das Nächtelange wachliegen und grübeln verbrachte ich fortan mit dem Wälzen von Fachliteratur und Erfahrungsberichten. Erschloss neue Sichtweisen auf die Erkrankung, erarbeitete Krisenbewältigungsstrategien. Und lernte auch, dass kein Krankheitsverlauf gleich ist. Es gab auch Widerstände in mir. Wollte doch gar nicht in ein Muster passen, welches mir nicht mal gefiel. Denn mir ging es ja nicht gut. Weder damit noch mit mir.

Das Leben mit Borderline ist ein Balanceakt

Das Einfügen in Systeme, WG- Erfahrung, Gruppenprozesse, ein FSJ absolvieren und zur Ausbildung in eine fremde Stadt ziehen. Fuck hat mir das alles Angst bereitet. Es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen, aber ich wusste, dass es die richtigen Schritte sind. Zwar hatte ich durch immense Zweifel, Sorgen und Ängste das Vertrauen in mich und meine Entscheidungen manchmal verloren, doch fand ich immer wieder genügend Mut trotzdem weiterzugehen und wieder vertrauen zu lernen.

Und ich hab es trotz kräftezerrender Selbstzweifel und zum Teil widriger Bedingungen immer wieder irgendwie[2] geschafft mich aus meinen Tiefs und vermeintlichen Rückschlägen hervorzubuddeln und für mich zu sorgen. Trotz und mit meinem Erfahrungsrucksack, der unter anderem das Etikett Borderline trägt.

Innen und Außen

Ich verstehe die Sachtexte und Selbsthilfebücher über Borderline aus einer ganz anderen Perspektive. Ich weiß, wie es sich anfühlt während des Essens oder eines Gespräches zu dissoziieren und einfach nur noch körperlich anwesend zu sein. Manchmal so, dass das Außen noch wahrgenommen werden kann. Anderntages so, dass ich mich vollständig der Situation entziehe. Mich in mich zurückziehe, einigel und abschotte. Eine Grenze bilde. Zwischen dem Außen und mir. Das habe ich intuitiv in traumatischen Situationen gelernt.

In meinem Job bilden meine Erfahrungen eine solide Basis an ausgeprägten Grunderkenntnissen im Umgang mit Menschen, inneren Prozessen und Handlungsmöglichkeiten in brenzlichen Situationen. Das macht, dass mein Gehirn in Ausnahmesituationen zu ruhigen und kompetenten Handlungen fähig ist.

Mal wie ein ruhiger Waldsee und dann wieder ein ausbrechender Vulkan

Manchmal platzt es aus mir heraus. Was mich bewegt. All die angestauten und wahrgenommenen Gefühle. Oder auch einfach nur Tränen, weil Worte oft nicht fassen können was in mir passiert. Ich bin dann untröstlich und lasse mich, sofern die Rahmenbedingungen es irgendwie hergeben, in dieses Gefühl fallen. Versuche es loszulassen. Quasi rauszuspülen. Inzwischen weiß ich, dass ich immer wieder die Stärke aufbringe mir aus der Situation zu verhelfen. Denn ich habe mir eine solide Basis aufgebaut, auf die ich stets zurückgreifen kann.

Ambivalenzen prägen meine Gefühlswelt

Sicherheit versus Freiheit. Einer der größten Lebenskonflikte (eurer vielleicht auch?!). Wie vereine ich beides in meinem Leben? Was macht, dass ich mich sicher fühle, aber mich dennoch frei bewegen und entfalten kann? Diese Frage stelle ich mir immer wieder und evaluiere, was ich aktuell benötige. Jedoch ist die Spannweite der Ambivalenzen weitaus geringer und weniger explosiv geworden in den letzten Jahren. Eine gewisse Gradlinigkeit und Konstanz in meinem Leben machen es mir leichter mich sicher zu fühlen.

Ich träume vom Meer. Von der unendlichen Freiheit. Dem Reisen. Dem Wind und den Wellen. Und dem Sand zwischen meinen Zähnen.

Ich träume ebenso vom Ankommen. Vom Zufriedensein mit dem Ist-Zustand, ohne ständige Optimierungen vornehmen zu müssen!

Einzigartig

Es prägen auch ausgelassene Momente meinen Alltag. In Stimmungshochs, ausgelöst durch banalste Kleinigkeiten, die mich erfreuen, kann ich aus vollem Herzen lachen. Lachen, bis kein anderer Gedanke mehr Platz in meinem Kopf hat und mein Körper vom Gefühl der Freude durchströmt wird. Auch wenn ich schaukle kann meine Seele ausgelassen baumeln. Tiefe Gespräche und kreative Impulse lassen meinen Alltag und meine Beziehungen einzigartig und heilsam für mich sein.

Die Auseinandersetzung mit Borderline und somit mit mir selbst hat mir geholfen mich auszudrücken und zu finden, meine Stärken und Ressourcen zu kennen, wie auch meine Schwachpunkte und Unsicherheiten kennenzulernen. Mich weiterzuentwickeln. Meine emotionale Aufruhr hat mein Leben zu einem phänomenalen Abenteuer gemacht, das mich mehr als einmal hat verzweifeln lassen und ich frag mich auch heute noch manchen Tages, ob mit mir und meiner Wahrnehmung etwas nicht stimmt. Doch ich bin nicht falsch. Ich bin vielleicht anders. Und das ist in Ordnung. Aber sich hinter einer Diagnose zu verstecken und zu tarnen oder auf eine solche reduziert zu werden, das wäre falsch. Denn Menschen sind stets mehr als ihre Erkrankungen.


[1] Andreas Knuf, Christiane Tilly, Borderline: Das Selbsthilfebuch

[2] Copingstrategien sind Bewältigungsmaßnahmen, die ich selbst ergreife, wenn ich emotional erregt bin. Das reicht von Tee kochen über Joggen gehen, Tagebuch schreiben oder eine Freundin anrufen. Man nennt diese Fähigkeiten in der DBT (dialektisch behaviorale Therapie) auch Skills. Darunter verstehen sich Alltagshelferchen, die meist die Sinne ansprechen, um dem Körper Impulse zu setzen und somit anderen, ggf. schädlicheren Verhaltensweisen vorzubeugen. Selbstreflektion gehört zu meinen bestausgeprägtesten Skills. Jedoch muss ich vorsichtig sein, nicht in ein Overthinking zu verfallen.


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