Wenn „Ja“ sagen krank macht – Grenzen ziehen als Angehörige

Grafik einer Frau mit der Sprechblase "Nein" vor sich dargestellt.

„Ja“ = positiv, „Nein“ = negativ. Was aber, wenn es andersherum ist? Wenn „Ja“ sagen krank macht? Antonia berichtet über ihre Erfahrung  als Angehörige, eigene Grenzen nicht setzen zu können.

Als Angehörige eines psychisch erkrankten Menschen ist man immer auch selbst betroffen: Man möchte seine Hilfe anbieten und ihn oder sie so gut wie möglich unterstützen. Aber nicht selten überfordert diese Unterstützung einen selbst. Nämlich dann, wenn man zu oft „Ja“ sagt. Wenn man seine eigenen Grenzen nicht kennt oder nicht deutlich macht. Wenn man sich nicht um sich selbst kümmert, sich nicht gegen Überforderung schützt und auch mal „Nein“ sagt. Das musste ich selbst erfahren.

Im Stich lassen?

Als ich 15 Jahre alt war, fiel meine Mutter in ein tiefes Loch. In ihren depressiven Phasen benötigte sie Verständnis und Hilfe von uns allen: Unterstützung im Alltag, Klinikbesuche, Begleitung zu Therapeuten, Anrufe oder Papierkram, der zu erledigen war. Und immer die Fragen: „Kannst du das machen?“ „Kannst du mitkommen?“ „Kannst du das organisieren?“ Und immer meine Antwort: „Ja, kann ich“.

Warum habe ich nicht „Nein“ gesagt, wenn ich überfordert oder mit für mich wichtigen Dingen beschäftigt war? Weil „Nein“ sagen bedeutet hätte: Ich lasse meine Mutter im Stich und verweigere meine Aufgaben und Hilfe als Tochter. Ich wollte meine Mutter unterstützten. Ich wollte, dass es ihr wieder besser geht. Deswegen kam es mir gar nicht in den Sinn, „Nein“ zu sagen.

Dabei habe ich nicht auf mich geachtet, nicht darauf wie die Depression meiner Mutter mich belastet und manchmal auch überfordert hat. Ich war selbst noch ein Teenager mit den typischen Fragen und Problemen: Jungs, Freundinnen, Schule, Hobbies… Nun auch noch das: Die Erkrankung meiner Mutter, die Sorge um sie und die Angst, ob und wie sie wieder gesund wird.

Alle in unserer Familie waren darauf bedacht, dass es meiner Mutter so schnell wie möglich wieder besser gehen soll und wir haben alles dafür getan. Alle Energie und Kraft, die wir aufbringen konnten, wurde in diesen Wunsch gesteckt. Das haben wir gerne getan. Denn wir lieben sie. Dass die Erkrankung und der Heilungsprozess aber Jahre dauern würde, meine Mutter wie auch uns und mich an unsere Grenzen bringen würde, ahnten wir damals nicht. Ich konnte mich deswegen auch nicht vor Überforderung schützen, mich um mich selbst kümmern, dafür sorgen, dass es mir gut geht.

„Nein“ sagen lernen

Ich musste erst lernen: „Nein“ zu sagen heißt nicht meine Hilfe komplett zu verweigern. Manchmal wollte oder konnte ich meine Mutter in der Klinik eigentlich nicht besuchen, habe es aber trotzdem getan – aus Verantwortung und Pflichtgefühl. Weil ich meine Mutter liebe.

Sie in ihrer Depression zu sehen, für sie da und gleichzeitig hilflos zu sein hat mich ausgelaugt. Der Druck, der auf mir gelastet hat, war kaum auszuhalten: Die starke Tochter sein, die meine Mutter braucht. Niemand hat das von mir erwartet – außer mir selbst. Weil ich immer wieder zu jeder Frage „Ja“ gesagt habe und die Aufgabe übernommen habe, hat auch keiner wissen können, dass mir das manchmal zu viel geworden ist.

Ein Hilfeschrei

Wenn ich jetzt zurückschaue und mich frage, wie ich das alles einigermaßen gut überstanden habe, fällt mir mein Therapeut ein. Mein erster Gang zum Therapeuten war wortwörtlich ein Hilfeschrei. Ein guter Freund, der wusste, dass es mir schlecht ging, hatte mir empfohlen die Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Klinik aufzusuchen, in der auch meine Mutter war. Nachdem ich mal wieder meine Mutter besucht hatte, schaute ich dort vorbei. An der Rezeption fragte man mich, was ich möchte. Ohne auch nur ein Wort heraus zu bekommen fing ich am ganzen Körper an zu zittern und begann zu weinen. Das war das „befreiteste“ Weinen, das ich in meinem bisherigen Leben gespürt hatte. In dem Moment wusste ich: Jetzt geht es um mich, jetzt kümmert sich jemand um mich, jetzt wird endlich auch mir geholfen.

Einmal in der Woche bekam ich nun die Unterstützung, die ich brauchte: Ein Gespräch mit meinem Therapeuten. Ich sage ganz bewusst mein Therapeut, weil er auf mich geschaut hat: „Wie geht es dir?“ „Was möchtest Du?“ „Wo sind deine Grenzen?“ Gemeinsam mit ihm habe ich gelernt, ohne schlechtes Gewissen „Nein“ zu sagen. „Nein“ zu den Anforderungen von anderen, aber „Ja“ zu mir! Ich habe gelernt, dass es auch meiner Mutter in ihrer Depression besser geht, wenn es mir gut geht.

Die eigenen Energiereserven auftanken

Seitdem weiß ich, dass es wichtig ist mich nicht zu überfordern und meine Energiereserven immer wieder aufzutanken, bevor ich für andere da sein kann. Bin ich heute zum Beispiel in der Prüfungsphase gestresst, kann ich nicht noch zig andere Aufgaben übernehmen. Wenn ich merke, dass ich Zeit für mich brauche, kann ich Freunden absagen. Mit anderen Worten: Es ist wichtig seine Grenzen zu kennen und auch deutlich zu ziehen, tief Luft zu holen und auch mal „Nein“ zu sagen.

Mir immer wieder in Erinnerung zu rufen wie viel ich machen kann, aber nicht machen muss, hilft mir sehr. Auch jetzt noch gibt es Phasen, in denen ich mich mal wieder völlig überschätze und am Ende einer Woche völlig ausgelaugt bin. Inzwischen kann ich das reflektieren und mir eingestehen, dass ich zu weit gegangen bin und meine Grenzen überschritten habe. In der nächsten Woche nehme ich mir dann wieder mehr Zeit für mich und ich kann Hilfe annehmen, wenn ich etwas alleine nicht schaffe.

Tipps für euch als (junge) Angehörige

Als (junge) Angehörige eines psychisch erkrankten Menschen ist man mit vielen Situationen und Anforderungen konfrontiert, die zu viel für einen selbst sein können und einen überfordern. Damit man nicht immer wieder seine eigenen Grenzen überschreitet, kann man sich diese Fragen stellen (und beantworten):

  • Kann ich in dieser Situation wirklich helfen oder sollte ich besser Hilfe von jemand holen, der sich damit auskennt?
  • Kann ich eine Alternative anbieten die auch hilft, aber mich selbst nicht so sehr belastet?
  • Habe ich Zeit dafür bzw. kann ich mir die Zeit nehmen?
  • Geht es mir selbst mental so gut, dass ich mich damit beschäftigen kann und möchte?
  • Mit wem kann ich über meine Überforderung sprechen und wo bekomme ich Hilfe und Unterstützung, wenn ich überfordert bin und sie benötige?

gezeichnete Grafik zum Selbsttest
Grafik von Antonia

Vergesst nicht…

Niemandem (auch meiner Mutter nicht) ist damit geholfen, wenn ich überfordert bin und es mir nicht gut geht. Und: Niemand außer Du selbst kann Deine Grenzen festlegen, die Du für Deine Eigene mentale Gesundheit einhalten musst. Denn Stress und Überforderung sind subjektiv und niemand sollte seine Gefühlswelt verstecken. Man sollte darüber sprechen, damit Grenzen verstanden und akzeptiert werden können.

Hilfe und Unterstützung

Das SeeleFon des Angehörigenverbandes BApK bietet Information und Hilfe durch Telefon- und E-Mail-Beratung. Es ist unter der Nummer 0228 71002424 Montags bis Donnerstags von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 20 Uhr, Mittwochs von 14 bis 21 Uhr sowie Freitags von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 18 Uhr erreichbar. Eine Beratung per E-Mail ist unter seelefon@psychiatrie.de möglich.

Nummer gegen Kummer e.V. hat bundesweit zwei telefonische, kostenfreie Beratungsangebote eingerichtet: das Elterntelefon und das Kinder- und Jugendtelefon. Diese helfen kostenlos, anonym und vertraulich. Das Kinder- und Jugendtelefon ist unter der Nummer 0800 111 0 333 montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr erreichbar.

Auf der Internetseite der Bundespsychotherapeutenkammer kann man Therapeut:innen in seiner Nähe suchen und finden.

Weitere Informationen

Gunter Groen und Dorothe Verbeek: Wieder besser drauf! Ein Ratgeber für junge Menschen zum Umgang mit Stimmungstiefs und Depressionen. BALANCE buch + medien verlag 2020, 142 Seiten, 18,00 Euro.

Johannes Jungbauer und Katharina Heitmann: Unsichtbare Narben. Erwachsene Kinder psychisch erkrankter Eltern berichten. BALANCE buch + medien verlag 2018, 160 Seiten, 15,00 Euro.

Albert Lenz: Psychisch kranke Eltern und ihre Kinder. Psychiatrie Verlag 2012, 144 Seiten, 18,00 Euro.

Edith Scherer und Thomas Lampert: Angehörige in der Psychiatrie. Psychiatrie Verlag 2017, 152 Seiten, 18,00 Euro.

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