Rezension: „Die Happiness Lüge. Wenn positives Denken toxisch wird“ von Anna Maas

Wie oft hört und liest man Sätze wie: „Du musst einfach nur positiv denken, dann lösen sich alle Probleme und du wirst ein glückliches Leben führen.“ Die Schlussfolgerung daraus: Du bist selbst daran schuld, wenn es dir nicht gut geht. Auch in der Werbung werden nur positive und gute Gefühle vermittelt und unangenehme Gefühle werden als Makel dargestellt. Auf Instagram sind alle #blessed und #thankful und man hat das Gefühl, dass es allen Menschen gut geht. Das Problem dabei: Durch Toxic Positivity können wir uns unter Druck gesetzt fühlen und toxisch positive Aussagen wie „Sieh doch einfach das Gute daran“ vermitteln uns das Gefühl, mit den eigenen Sorgen und Ängsten nicht ernst genommen zu werden.

Ein Angstgefühl kann uns auf eine Gefahrensituation hinweisen. Traurigkeit zeigt, dass uns Dinge, Menschen oder unser Umfeld wichtig sind. In jeder Emotion steckt ein Wert. Und jede Emotion ist es wert, gehört zu werden.“ (S. 27)

Anna Maas erzählt in „Die Happiness Lüge“ von ihren Gedanken, Gefühlen und Erkenntnissen während ihrer Recherche zum Thema Toxic Positivity. Der Autorin ist die Problematik besonders während der Coronakrise aufgefallen, als sie die vielen Good-vibes-only-Posts auf Instagram gesehen hat. Gefühlt haben alle Menschen die Zeit produktiv genutzt, um aufzuräumen, auszumisten, Sport zu machen, Bücher zu lesen und Online-Weiterbildungen zu besuchen.

In dem Buch kommt auch immer wieder die Psychotherapeutin Amanda Nentwig zu Wort, die einige Verhaltensweisen aus psychologischer Sicht erläutert. So sagt sie beispielsweise, dass die gesteigerte Produktivität in den Lockdowns eine Form des Copings, also eine Bewältigungsstrategie, ist, um mit der Situation umzugehen. Bei der Autorin löste das allerdings vor allem Selbstzweifel und ein schlechtes Gewissen aus, weil es ihr während der Zeit nicht gut ging.

Nicht jede Krise macht stärker. Manch eine schmerzliche Erfahrung ist eine Lehre, eine andere eine Bürde. Wenn wir in echten Krisenzeiten stecken, müssen wir erst mal nur versuchen, diese zu überstehen, kurzfristige Lösungen zu finden und den Kopf über Wasser zu halten.“ (S. 161)

Weitere Themen, bei denen uns Toxic Positivity regelmäßig begegnet, sind Krankheiten, Schicksalsschläge und Verluste. „Sieh das doch einfach als Lernerfahrung“ oder „Jetzt weißt du das Leben viel mehr zu schätzen“ haben bestimmt die meisten von uns schon mal gehört. Ich selbst frage mich immer, ob die andere Person wirklich denkt, dass das eine hilfreiche Aussage ist, oder ob es einfach ein Zeichen von Unsicherheit ist, weil man nicht weiß, wie man angemessen reagieren kann. Gut ist diese Reaktion jedenfalls nicht, denn sie kann verletzend sein.

Die Autorin fragt sich in dem Zusammenhang beispielsweise auch, ob wir Trauer so schnell verdrängen, weil das nicht zu einer positiven Gesellschaft passt. Das kann natürlich ein Grund sein, aber meine Erfahrung ist eher, dass man oft einfach nicht weiß, wie man mit dieser Wucht an Gefühlen umgehen soll. Dabei fände ich es wichtig zu unterscheiden, welche Gefühle man verdrängt, um den Schmerz auszuhalten, und welche Gefühle man überspielt, um ein positives Bild abzugeben.

Die Ablenkung von negativen Emotionen hilft nicht dabei, strukturelle Ungerechtigkeiten zu verdrängen. Manche Dinge lassen sich leider nicht weglächeln und wegomen.“ (S. 119)

Anna Maas geht in dem Buch auf verschiedene Lebensbereiche ein, in denen ihr das Thema Toxic Positivity bereits begegnet ist: Es geht um verzerrte Idealbilder in der Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft. Und darum, welchen Einfluss toxische Positivität auch auf strukturelle Probleme wie Rassismus und Sexismus hat. Vermeintlich negative Gefühle zuzulassen ist laut der Autorin nicht nur für zwischenmenschliche Beziehungen wichtig, sondern auch für einen gesellschaftlichen Wandel. Bei einer toxisch positiven Einstellung würden strukturelle Probleme nicht anerkannt werden, was unsere Gesellschaft kaputt mache.

Bei dem Thema Toxic Positivity habe ich zuvor nicht an Diskriminierung gedacht, deshalb fand ich das eine interessante Perspektive. Die Erzählungen von ihren Erlebnissen im Alltag verdeutlichen das Thema recht anschaulich, aber mir fehlte dabei ein facettenreicher Diskurs zu dem eigentlichen Thema. Es sind wichtige Themen, die angesprochen werden, aber ich hätte mir gewünscht, dass die Zusammenhänge, die sie herausstellt, nicht nur auf ihren eigenen Erfahrungen beruhen, sondern vielleicht auch von wissenschaftlichen Theorien gestützt werden.

Wir können anderen nur helfen, wenn wir selbst nicht umkippen. Und deshalb müssen wir auf unsere Bedürfnisse hören.“ (S. 200)

Besonders am Anfang habe ich mich beim Lesen sehr verstanden gefühlt. Auch ich hatte das Gefühl, dass während der Lockdowns die Positivitäts-Beiträge in den Sozialen Medien deutlich zugenommen haben. Die Gefühle der Autorin kann ich sehr nachfühlen, denn auch ich habe mich immer wieder unter Druck gesetzt gefühlt, wenn ich einfach nicht produktiv sein konnte und mich nicht dazu aufraffen konnte, ein Workout zu machen oder ein Bananenbrot zu backen.

Den Schreibstil der Autorin fand ich sehr angenehm und mir gefällt, dass sie auch von ihren persönlichen Sorgen, Ängsten und Empfindungen erzählt. Die Schilderungen von Situationen aus ihrem Leben haben mich immer berührt. Die Einordnung der Thematik aus psychologischer Sicht von der Psychotherapeutin Amanda Nentwig fand ich auch sehr interessant.

Gute Gedanken können nicht heilen, aber helfen.“ (S. 175)

Gegen Ende des Buches gibt es eine Gegenüberstellung von Toxic-Positivity-Sätzen und Sätzen, die mehr Empathie vermitteln. Das war mein Highlight in dem Buch! Ich könnte mir vorstellen, dass das die meisten Leser*innen zum Nachdenken anregt, weil man sich selbst überprüft, ob man nicht vielleicht auch (unbewusst) solche Sätze verwendet. Außerdem gibt einem die Gegenüberstellung direkt eine Idee, was man stattdessen sagen kann, sodass man konkret etwas für den Alltag mitnehmen kann.

Besonders inspiriert hat mich ein Interview mit Sabrina Lorenz von dem Instagram-Account @fragments_of_living, die mit einem Herzfehler geboren wurde. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass sie eine gute differenzierte Sicht auf Toxic Positivity hat. Diese differenzierte Sichtweise hätte ich mir auch von der Autorin gewünscht.

Man kann verschiedene Emotionen gleichzeitig spüren und ausdrücken. Motivation und Enttäuschung, Hoffnung und Wut.“ (S. 120)

Beim Lesen hatte ich allerdings manchmal das Gefühl, dass positives Denken schon fast „verteufelt“ wird und in jedem Fall schlecht ist. Dabei geht es ja darum, dass alle Gefühle da sein dürfen und wichtig sind. Ich hätte mir gewünscht, dass mehr Ebenen und Dimensionen des Themas beleuchtet werden und nicht nur Extrembeispiele. Es wird überhaupt nicht betrachtet, dass es auch viele Menschen gibt, die diese Techniken in einem „normalen“ Maß nutzen und denen es sehr hilft. Sie kritisiert beispielsweise die Strategie, negative Glaubenssätze in positive zu ändern, weil das zu einfach dargestellt ist und auch gefährlich sein kann. Dem ersten Grund stimme ich zu, denn es braucht viel Arbeit, um sich von negativen Glaubenssätzen lösen zu können. Aber den zweiten Grund kann ich nicht nachvollziehen. Als Beispiel nannte die Autorin den Glaubenssatz „Ich bin eine schlechte Schwimmerin“. Ins positive umgewandelt wäre das dann „Ich bin eine gute Schwimmerin“, was gefährlich werden kann, wenn man sich dadurch überschätzt. Aber ich denke mir: Darum geht es doch gar nicht?! Bei den Glaubenssätzen geht es doch eher um negative Annahmen über sich selbst, beispielsweise „Mir darf es nicht gut gehen“, welchen man in den positiven Glaubenssatz „Ich darf für mich sorgen“ umwandeln könnte.

Wer ein schlechtes Gewissen hat und eigene Fehler erkennt, muss sich nicht vor Scham verkriechen. Viel besser ist es, zu diesen Fehlern zu stehen und aus ihnen zu lernen.“ (S. 141)

Generell hätte ich mir eine differenziertere Sicht auf die einzelnen Themen gewünscht. Auf die Positivitäts-Beiträge auf Instagram bezogen sehe ich nämlich auch als Problem, dass sich viele Nutzer*innen von Sozialen Medien nicht bewusst machen, dass das nur ein (inszenierter) Teil des Lebens der jeweiligen Person ist. Außerdem gibt es zum Beispiel eine Stelle in dem Buch, in dem die Autorin Beispiele aus verschiedenen Lebensbereichen nennt, die zeigen sollen, wie wichtig es ist, den Mund aufzumachen und nicht zu schweigen. Dabei habe ich mich gefragt, ob das wirklich mit Toxic Positivity zusammenhängt und ob da nicht auch das eigene Selbstbewusstsein eine große Rolle bei spielt.

Diese Perspektiven wurden im Buch nicht genannt. Alles schlechte in der Welt allein auf Toxic Positivity zurückzuführen, finde ich zu einfach und nicht differenziert genug. Erst der Epilog am Ende des Buches wirkte sehr reflektiert und themenbezogen. Dieser hat mir sehr gut gefallen, denn dort wurde auch endlich die eigentliche wichtige Aussage deutlich, die auch groß hinten auf dem Klappentext steht:

GOOD VIBES ONLY!

ALL VIBES WELCOME!

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