Pause von Papa – Über die schweren Zeiten als Tochter eines Borderline-Erkrankten

Pause von Papa zwei Hände halten sich fest

Eine klare Grenzziehung kann weh tun und gleichzeitig befreiend sein. Das erlebte Redakteurin Lara, als ihre Kraft als Angehörige aufgebraucht war. Ihre Kraft, um für die seelische Gesundheit ihres Vaters zu kämpfen. Mit diesem Artikel möchte sie Angehörigen Mut machen: Es ist okay, dass man manchmal Abstand von einer geliebten Person nehmen muss, um Kraft zu tanken. Dabei muss man keine Schuldgefühle haben, denn klare Grenzen setzen heißt auch für sich selber zu sorgen.

Wenn die Belastung zu viel wird

Als Kind eines psychisch kranken Vaters1 bin ich seit meiner Jugend stets nur einen Wimpernschlag davon entfernt, zu viel Verantwortung zu übernehmen. Auch Verhaltensmuster, die mir bei anderen Erwachsenen fremd sind, wie z.B. eine niedrige Frustrationstoleranz, versetzen mich in einen Kümmer-Modus. In meiner Kindheit habe ich extrem gute Antennen für die Stimmungsschwankungen meines Papas entwickelt: Jedes Atmen, jede etwas zu laut geschlossene Tür sind Warnsignale für einen bevorstehenden Wutausbruch. In diesen Momenten bin ich hilflos und ängstlich und würde am liebsten verschwinden. Sobald die Wut verraucht ist, muss schnell wieder alles harmonisch sein, denn er hält es kaum aus, wenn man traurig ist. Ich komme kaum hinterher bei diesen schnell wechselnden Gemütslagen.

Wenn wir einkaufen gehen, ist mein Papa sehr großzügig und möchte uns immer eine Freude machen. Das besorgt mich mehr als es mich freut, denn mit Geld hauszuhalten, ist für ihn oft schwierig. Also versuche ich, den vernünftigen Part zu übernehmen und ihn davon abzuhalten, uns teure Dinge zu kaufen, die wir gar nicht brauchen. Ich versuche, mit meiner Rationalität seine Impulsivität auszugleichen.

Ich werde langsam erwachsen, beginne mein Studium und ziehe aus. Als mein Papa einige Jahre nach der Trennung von meiner Mutter weg aus Köln zurück in seine frühere Heimat Hessen zieht, müssen unsere Treffen gut geplant werden. Mir fällt es sehr schwer, seine Unzuverlässigkeit auszuhalten. Diese Enttäuschung, wenn ein gemeinsames Wochenende abgesagt oder Pläne über den Haufen geworfen werden. Über die Jahre merke ich, dass Dinge, die in anderen sozialen Beziehungen unausgesprochen funktionieren, mit ihm explizit abgesprochen werden müssen. Damit nicht ständig mein Telefon klingelt oder er zwei Stunden vor der vereinbarten Zeit vor meiner Tür steht, stelle ich Regeln auf: „Bis hierhin und nicht weiter“, setze ich meine erste Grenze. Doch kaum ist eine Abmachung da, wird sie gebrochen. Es zerrt an meinen Nerven, und während ich versuche, nebenher mein eigenes Leben zu organisieren, kümmere ich mich um Papa und trage stets ein Päckchen voll Sorgen mit mir herum. Denn ich merke, er braucht Hilfe. Und zwar mehr als einmal die Woche eine Therapiestunde. Ich lese und lerne viel über seine Krankheit, die Borderline Persönlichkeitsstörung. Ich versuche, ihm zu helfen, gebe ihm Ratschläge, baue ihm Brücken, unterstütze ihn so gut es geht. Er verspricht mir, meinen Rat umzusetzen, um mich milde zu stimmen – oder weil er es in dem Moment wirklich will. Und bin immer und immer wieder enttäuscht, wenn er es nicht schafft. Ich sollte aufhören, ihn retten zu wollen. Aber wer hilft ihm dann? Ich versuche, ihn vom Aufenthalt in einer Klinik zu überzeugen. 

Als ich einfach nicht mehr kann

Als mein Papa endlich den (von mir) lang ersehnten Klinikaufenthalt bereits nach einem Tag abbricht, kann ich nicht mehr. Ich brauche eine Pause. Meine ganze Hoffnung in eine stationäre Therapie ist dahin. Ich bin erschöpft und merke, dass ich noch einer weiteren Enttäuschung nicht würde standhalten können. Ich schreibe ihm eine lange Mail und erkläre mich. Ich blockiere ihn auf Whatsapp und gehe nicht ans Telefon. Ich muss mich schützen.

Wenn ich heute an diesen Schritt zurückdenke, erinnere ich mich noch genau, wie weh es tat. Es war kaum auszuhalten, für ihn wahrscheinlich noch weniger als für mich, aber in diesen Tagen stand ich kurz davor, mich in Fürsorge zu verlieren. Besonders schwer war es, weil ich wusste, dass die Verlustangst für Borderline-Erkrankte das Schlimmste ist. Ich war so wütend, dass ich mich mehr mit seiner Diagnose befasst hatte als er selbst. Verletzt, dass nicht mal seine Kinder ihm als Antrieb genügen, um etwas zu ändern. Verzweifelt, weil ich alles gegeben hatte und alles so ausweglos schien. Ich fragte mich, was andere wohl von mir denken würden. Was für ein Rabenkind ich sei, den Kontakt zu meinem psychisch kranken Vater abzubrechen.

Lange habe ich gebraucht, um zu verstehen, dass ich nicht nur mir, sondern uns beiden etwas Gutes tue, wenn wir eine Kontaktpause haben. Um neue Kraft zu sammeln und wieder füreinander da sein zu können. Rückblickend weiß ich gar nicht mehr, ob ich dachte, nie mehr Kontakt zu ihm zu haben, oder ob ich gleich wusste, dass es nur eine Pause sein würde. Letztendlich musste und konnte ich es damals auch noch gar nicht definieren, es war einfach eine “Akut-Maßnahme” um wieder “atmen” zu können. Bis genügend die Kraft da ist, um die Tür wieder langsam zu öffnen.

Nach einiger Zeit sah mein Papa ein, dass es so nicht weitergehen konnte. Der Kontaktabbruch brachte ihn zum Nachdenken. Er wollte gesund werden und ein guter Vater sein. In der Zeit der Kontaktstille holte ich mir je nach Energielevel Informationen von meiner Mama, die regelmäßig mit Papa telefonierte. Das war für mich ein guter Filter und ließ mich trotzdem an seinem Leben teilhaben. Nach einer Weile begannen wir, behutsam Mails auszutauschen. Er berichtete mir von seinen Erlebnissen in der Klinik und ich antwortete in meinem Tempo. Während des Klinikaufenthalts konnte ich mir meine Zeit nehmen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Schließlich wusste ich, dass er dort gut betreut ist. Papa wünschte sich Telefonate, aber ich war noch nicht so weit. Zu groß war meine Angst vor alten Mustern. Und auch er hatte Sorge vor Streit. Er reagierte verständnisvoll und lernte, den Abstand auszuhalten. In den Wochen, die mein Vater in der Klinik verbrachte, schrieben wir also Mails, bevor ich im Anschluss einen gemeinsamen Termin bei seiner Therapeutin vereinbarte. So konnten wir uns auf neutralem Boden treffen und wieder annähern.

Wir segeln mutig durch die Wellen

In der Vorbereitung für diesen Artikel habe ich zuerst mich und dann meinen Papa gefragt, wie er unsere Beziehung beschreiben würde. Seine Antwort: “Ambivalent, innig, humorvoll, mutig.” Es klingt kitschig, aber beinahe dasselbe hatte ich mir auch notiert. Es ist schön zu sehen, dass wir beide um unsere Herausforderungen wissen und einander schätzen.

Ambivalent beschreibt unsere Beziehung sehr gut, denn sie ist wellenförmig und wird es womöglich auch immer sein. Wir können und müssen uns auf Schwankungen einstellen und daran arbeiten, dass die guten Phasen möglichst lange stabil bleiben. 

Unsere Beziehung ist mutig, weil wir wissen, dass wir einander wieder enttäuschen werden. Papa wird sich verlassen fühlen, wenn ich auf meine Grenzen beharre und ich werde enttäuscht sein, wenn er ein Treffen kurzfristig absagt. Doch Konflikte versuchen wir durch klare Absprachen zu reduzieren und ich komme damit klar, dass diese Grenzen regelmäßig ausgetestet werden. Auch wenn unsere Beziehung immer auch von Rückschlägen geprägt sein wird, bin ich stolz, dass wir aneinander festhalten und auf das, was wir schon geschafft haben – aber besonders stolz bin ich auf meinen einzigartigen Papa, der seine beiden Töchter über alles liebt und alles für sie tun würde. Was will ich mehr?

Literaturtipp

Im Buch »Schluss mit dem Eiertanz wird – Für Angehörige von Menschen mit Borderline« (BALANCE buch + medien Verlag) werden nicht nur das Krankheitsbild und die typischen Verhaltensmuster anschaulich erklärt. Du bekommst auch als Angehörige*r hilfreiche Ratschläge, wie du Grenzen setzen und deine Bedürfnisse klar formulieren kannst. Dieses Buch möchte ich dir ans Herz legen, wenn du eine Person mit Borderline Persönlichkeitsstörung in deinem Umfeld hast. Beachte, dass das Buch selbstverständlich keine professionelle Hilfe ersetzen kann, aber mir hat es dennoch geholfen, die Krankheit zu verstehen und besser damit umzugehen.

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1 Hier erfährst du mehr über die Borderline Persönlichkeitsstörung.

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