TEIL 1: Mit oder ohne?!

Tabletten, Medikamente

Ein Beitrag unserer Redakteurin Alina über ihre persönlichen Erfahrungen mit Psychopharmaka und den Mut sich den Vorurteilen und Ängsten zu diesem Thema zu stellen. In einem zweiten Beitrag hat sie „Harte Fakten“ über Psychopharmaka recherchiert und zusammengetragen.

Ein Leben mit oder ohne Psychopharmaka? Immer mehr davon werden heutzutage verordnet und das scheint der einfache Weg zu Genesung zu sein. Einfach ein paar Pillen einschmeißen und schon ist man wieder glücklich – funktioniert das so? Wie viel wissen wir eigentlich über diese Medikamentengruppe und was sagt die Wissenschaft? Können psychisch Erkrankte nicht auch anders gesund werden? Bin ich als Betroffener schwach, wenn ich mich doch für das Antidepressivum entscheide? Unterstütze ich als Angehöriger gar noch eine Abhängigkeit, wenn ich den Betroffenen nicht davon abrate? Nehmen wir unseren Mut zusammen und setzen uns mit diesen Fragen, unseren Vorurteilen und Ängsten zu diesem Thema auseinander.

Am Anfang

„Ich habe gar nicht gedacht, dass du sowas brauchst.“

„Die willst du doch sicherlich nicht lange nehmen, oder?“

„Alle, die ich kenne, haben damit zugenommen.“

„Die machen doch abhängig!“

Ich glaube, den einen oder anderen Satz haben viele, die Psychopharmaka nehmen, insbesondere Antidepressiva, schon mal gehört – von Fremden, aber auch von der Familie oder Freunden. Wenn mir Freunde mitteilen, dass sie Medikamente wegen ihrer psychischen Erkrankung nehmen, dann soll das bitte unter uns bleiben. „Pill Shaming“ ist ein Phänomen, das mich traurig macht und das in Zeiten der Antistigmabewegung genauso wenig in unserem Alltag verloren hat wie Stigmatisierung psychischer Krankheiten.

Und doch gibt es Menschen, die der Meinung sind, man müsse sich nur genug anstrengen oder die richtige Therapie machen, um keine Psychopharmaka nehmen zu müssen. Im Allgemeinen würden Ärzt:innen mit den Verordnungen nur um sich schmeißen und Medikamente zu schnell verschrieben werden. Und im Grunde machen sie ja wohl auch abhängig. Wie soll man denn bitte wieder damit aufhören?

Auch ich habe mich aus so einem, ja schon seltsamen Argument anfangs gegen die Einnahme von Antidepressiva entschieden – einzugestehen, dass ich sie für meine Genesung brauche, war ein offensichtliches Eingeständnis persönlicher Schwäche, zumindest damals. Bis zu diesem Artikel und einem besonderen Ereignis in meinem Leben habe ich mich ehrlicherweise auch nie über den Beipackzettel meiner Medikamente hinaus über Psychopharmaka, die Einnahme und das Absetzen informiert.

Meine Geschichte

Kommen wir zu meinen Erfahrungen mit Antidepressiva. Ich habe eine kombinierte Erkrankung aus rezidivierender Depression und generalisierter Angststörung. Mein erster Versuch mit einem Antidepressivum hat meine Depression so stark verschlimmert (inklusive Suizidplänen), dass ich auf eine andere Substanz umsteigen und die schwierige Anfangszeit noch mal durchstehen musste. Und es sei direkt gesagt: Für mich hat sich das absolut gelohnt.

Ich hatte Respekt vor der Einnahme und am Anfang dachte ich, dass ich den „einfachen“ Weg gewählt habe. Aber ich hatte noch ein Studium bzw. eine Masterarbeit vor mir und ich sah mich schon, diese unter den damaligen psychischen Belastungen nicht schreiben zu können. Ich bin mit dem Ziel, nach Abschluss des Studiums die Medikamente wieder abzusetzen, an die Sache ran gegangen.

So startete ich mit Venlaflaxin[1], und stieg nach diesem erfolglosen Versuch auf Escitalopram[2] um. Letzteres hat bei mir die sogenannten Brain Zaps (stromschlagähnliche Empfindungsstörungen), Übelkeit und Unruhe zu Beginn der Einnahme ausgelöst. Bei der Schwere meiner Erkrankungen waren 20 mg die Zieldosis, im Verlauf habe ich die Dosis auf 30 mg erhöht und konnte dann einigermaßen meinen Alltag meistern und eine Masterarbeit planen, Daten erheben, und schreiben. Anfängliche Nebenwirkungen haben sich in Luft aufgelöst und auch regelmäßige Laboruntersuchungen und EKGs haben keine Auffälligkeiten gezeigt.

Ich habe zwischenzeitlich zu den 30 mg Escitalopram Mirtazapin[3] für einen Monat genommen, weil ich aufgrund von Ängsten wegen einer anstehenden OP nicht mehr schlafen konnte und Alpträume hatte. In diesem Monat konnte ich meinen Appetit gar nicht mehr zügeln und habe wirklich viel gegessen. Das erklärt warum viele derer, die Mirtazapin auf lange Zeit einnehmen mit Gewichtzunahme zu kämpfen haben.

Ständig haben mich meine Angehörigen gefragt, ob die Medikamente wirklich sein müssen, ich wäre doch so eine starke Frau. Ich wurde immer wieder in Bedrängnis gebracht, mich rechtfertigen zu müssen, erklären zu müssen, dass die Medikamente es mir überhaupt erst möglich machen, mein Studium fortzuführen, vor allem, weil ich meine Emotionen zum ersten Mal in meinem Leben wirklich unter Kontrolle hatte und mich so überhaupt auf irgendwas konzentrieren konnte. Das hat mich wirklich belastet.

In meiner Psychotherapie konnte ich zum ersten Mal komplexe Aufgaben umsetzen und Techniken, wie eigene Bedürfnisse in einem Beziehungsgespräch zu formulieren, üben. Konnte über meine Schwierigkeiten im Alltag erzählen, ohne ständig zu weinen oder den Faden zu verlieren. Durch diese neue emotionale Stabilität in Kombination von Psychopharmaka mit meiner Psychotherapie konnte ich in Beziehungen meine Bedürfnisse klarer äußern, tiefer durchatmen und Konflikte besser lösen.

Von 30 mg auf 0 mg

Und dann bin ich schwanger geworden. Meine Ärzt:innen und Psychiater:in sagten mir, ich könne die Medikamente ruhig weiter nehmen. Ich wäre ja so gut eingestellt und eine Krise möchte doch jetzt keiner durch ein vorschnelles Absetzen riskieren.

Genau hier sehe ich eigentlich das Problem mit den Psychopharmaka: Die Menschen, die eigentlich Ahnung davon haben sollten, haben sie meistens nicht oder nicht ausreichend. Für mich sind nicht die Medikamente mit all ihren Nebenwirkungen das eigentliche Problem, sondern die verordnenden Menschen, die die Patient:innen nur unzureichend über alle Konsequenzen informieren und einen in schwierigen Situationen damit allein lassen.

Bis zu dem Zeitpunkt, an den mir gesagt wurde, ich könne nicht zu Hause entbinden und nicht mal in einem kleinen Krankenhaus, sondern nur in einer riesigen Klinik mit angebundener Kinderklinik, weil das Risiko einer Intoxikation (Vergiftung) bei meinem Kind bestünde, habe ich mir auch keine weiteren Gedanken gemacht. Ich musste ja auch noch meine Arbeit fertig schreiben und mein Studium abschließen. Das habe ich dann auch.

Ich habe starke Angst vor Krankenhäusern, allein der Gedanke, dort entbinden zu müssen, hat mich zum Verzweifeln gebracht. Zwei Monate vor Entbindungstermin bekam ich Panik, fing an alle meine mich behandelnden Ärzt:innen nochmal zu fragen und mich selbst zu informieren. Ich wurde unglücklich, denn keiner schien eine Lösung für mich zu haben, und zwar nicht, weil es so klar war, sondern weil keiner genug Ahnung hatte und man ja bloß kein Risiko fürs Kind eingehen wollte.

Ich habe mich allein gelassen und schlecht beraten gefühlt. Letztendlich hat ein telefonisches Beratungsgespräch mit einer völlig fremden Fachärztin zur erlösenden Antwort geführt: Zwei Wochen vor der Geburt runter auf 0 mg und ich kann zu Hause bleiben oder das Medikament ist immer noch im Körper und ich muss in eine Klinik. Und so setze ich mein Antidepressivum innerhalb von vier Wochen ab. Klar war zu diesem Zeitpunkt, sollte das Ganze schief gehen nehme ich sie wieder. Ab der Geburt werde ich sie wieder nehmen, denn für mich ist das Risiko einer Wochenbettdepression viel zu hoch, um Experimente zu machen.

Meine aktuelle Gefühlslage

Während ich diesen Artikel schreibe, bin ich noch schwanger und ohne Medikamente. Nach dem Absetzen der ersten 10 mg war ich erleichtert, denn auf einmal hatte ich wieder mehr Emotionen, auch positive und das war ganz schön. Da dachte ich noch, dass ich vielleicht doch ganz ohne auskommen werde. Bei schön blieb es leider nicht. Je mehr ich reduzierte, desto weniger hatte ich noch Kontrolle über meine Gefühle. Konzentration? Ein Fremdwort. Mal Durchatmen? Unmöglich. Und nach zwei Jahren völliger Kontrolle falle ich bei Konflikten mit meinem Partner in alte emotionale Löcher und komme nicht mehr raus.

Dieser plötzliche Kontrollverlust wäre bei einem langsameren Absetzen vielleicht besser zu ertragen gewesen, aber das war einfach nicht möglich. Ich habe mit meinen Ärzt:innen und Therapeut:innen fest geplant, das Medikament wieder zu nehmen, jedoch mit niedrigerer Dosierung und einen zweiten Absetzversuch erst dann erneut zu starten, wenn meine Lebenslage stabiler ist.

Mein Fazit

Ich kann mir ein Leben ohne und mit Medikamenten vorstellen und auch wenn es mir gerade nicht besonders gut geht, geht es ja irgendwie doch. Aber momentan habe ich kein Studium und keine Arbeit im Hinterkopf, im Grunde genommen also keine alltäglichen Verpflichtungen, denen ich nachkommen müsste. Solche in meinem jetzigen Zustand ohne Medikamente bewältigen zu müssen, könnte ich definitiv nicht.

Ich finde, die Entscheidung Medikamente nicht zu nehmen, um seine Krankheit besser zu bewältigen, kann genauso mutig sein, wie sich dafür zu entscheiden, es ohne schaffen zu wollen oder sie abzusetzen. Kurzfristige Einnahmen können meiner Meinung nach genauso gut begründet werden wie langfristige. Einem Erkrankten mit chronisch hohem Blutdruck würde man ja auch nicht sagen, er solle es einfach mal ohne Medikamente versuchen – wenn er sich nur genügend anstrengt, kriegt er das schon hin.

Ich sehe all die negativen Informationen zu diesem Thema und weiß jedoch auch, dass ich ohne Medikamente nicht so große Fortschritte in der Psychotherapie gemacht und mein Studium nicht geschafft hätte. Ich denke an all die Betroffenen, die unter starken Nebenwirkungen leiden, aber auch daran, dass diese es vielleicht manchmal einfach wert sind.

Ich werde wütend bei dem Gedanken, dass Ärzt:innen leichtfertig Medikamente in jeder Dosis verschreiben und Angehörige die Leidtragenden noch unter Druck setzen. Pro oder kontra zu sein, eindeutig Stellung zu Psychopharmaka beziehen, kann und muss ich nicht. Wichtig ist, dass man sich mit dem Thema auseinandersetzt, als Betroffene:r, der:die Medikamente nimmt, um über alle Konsequenzen Bescheid zu wissen, aber vor allem auch als Angehörige:r, um die Betroffenen mit Halbwissen oder gar Vorwürfen nicht noch mehr zu belasten. Wer mutig genug ist, es sich nicht so einfach zu machen und alle Schuld auf eine Substanz zu schieben, kann viel Wissen und Wert aus der Thematik beziehen und Betroffene besser unterstützen.

Ein kleiner Hinweis zu guter Letzt: Die Beipackzettel anderer Medikamentengruppen sind mindestens genauso lang wie die der Psychopharmaka.


[1] Venlafaxin ist ein Arzneistoff, der in der Behandlung von Depressionen und Angsterkrankungen verwendet wird. Chemisch handelt es sich um ein Phenylethylamin-Derivat, das als selektiver Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer seine Wirkung im Zentralnervensystem entfaltet.

[2] Escitalopram (Handelsname Cipralex, diverse Generika) ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Er wird in der Behandlung von Depressionen, Panikstörungen, sozialen Phobien, generalisierten Angststörungen und Zwangsstörungen verwendet. Chemisch handelt es sich um das pharmakologisch wirksame Enantiomer (Eutomer) des Arzneistoffs Citalopram.

[3] Mirtazapin ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der noradrenergen und spezifisch serotonergen Antidepressiva (NaSSA). Es ist das Pyridyl-Analogon von Mianserin und wird wie dieses der chemischen Struktur nach zu den tetrazyklischen Antidepressiva gezählt.

2 Kommentare zu „TEIL 1: Mit oder ohne?!“

  1. An die Verfasserin dieses Artikels (meine Tochter)
    Ich bin tief beeindruckt von dem Inhalt. So habe ich noch nie darüber nachgedacht, wobei ich auch Niemanden bis dato verurteilt habe, der Psychopharmaka benötigt.
    Es tut mir leid, wenn ich meiner Tochter jemals den Eindruck vermittelt habe, dass ich sie dafür verurteilt hätte.
    In Liebe, Deine Mum

  2. Sehr guter Artikel.
    Mir ist ein wirklich sehr sehr langsames Reduzieren weder bei Venlafaxin noch bei Trimipramin gelungen.
    Drei Versuche bei Venlafaxin, später Versuch Trimipramin von 25 mg zu halbieren sind gescheitert.
    Konzentrationsstörungen waren wieder extremst sowie Unruhe, Selbstzweifel, Depression.
    Mit einer Dosierung von 37,5 mg Venlafaxin morgens und 25 mg Trimipramin zur Nacht geht es mir bestens. Ich habe für mich beschlossen bei dieser Medikation zu bleiben, da die Absetzsymptome schrecklich sind.

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