Experten durch Erfahrung: „Ich bin Hoffnungsträgerin“ – Interview mit einer EX-IN Genesungsbegleiterin

Experten durch Erfahrung - Foto unser Interviewpartnerin und EX-IN Genesungsberaterin Nina

In einer psychischen Krise erscheint oft alles hoffnungslos und dunkel. Auch wenn Ärzt:innen und Angehörige sagen „Das wird schon wieder“, kann man es oft nicht ernst nehmen, denn was wissen die schon? Aber was ist, wenn man eine:n Gesprächspartner:in hat, der:die die Hoffnungslosigkeit kennt und die Erfahrung gemacht hat, dass es auch wieder besser werden kann? Das macht Mut und schenkt Hoffnung. Deshalb werden seit einigen Jahren „Experten und Expertinnen aus Erfahrung“ in der Arbeit mit psychisch Erkrankten eingesetzt. Dafür gibt es die Möglichkeit, eine zertifizierte Ausbildung* zur EX-IN-Genesungsbegleiter:in zu absolvieren. Die Bezeichnung EX-IN steht dabei für den englischen Begriff „Experienced Involvement“ (dt. Beteiligung Erfahrener).

Doch wie läuft die Ausbildung ab und welche Voraussetzungen muss man erfüllen? Was sind die Aufgaben von EX-IN-Genesungsbegleiter:innen und wieso ist es so wichtig, dass es sie gibt? Das erzählt uns Nina Luckow (40), die im letzten Jahr die Ausbildung begonnen hat und diese voraussichtlich im März abschließen wird.

Liebe Nina, was sind EX-IN-Genesungsbegleiter:innen?

Sie haben eine zertifizierte Ausbildung* gemacht, bei der die Grundvoraussetzung ist, dass man Erfahrungen mit Krisen hat und entweder in einer psychiatrischen Klinik oder in ambulanter Behandlung war und jetzt an dem Punkt ist, an dem man andere auf dem Genesungsweg begleiten kann, um eine Stütze und Unterstützung zu sein. Wir können Betroffenen auf Augenhöhe begegnen und durch unsere eigenen Erfahrungen ist ein anderer Zugang zu der Erkrankung möglich. Als “Experten durch Erfahrung” oder EX-INs können wir eine ganz positive Rolle haben, weil wir aus Erfahrung sprechen und das auch vermitteln können. Ich möchte Hoffnungsträgerin sein und zeigen: Hey, ich habe viele Krisen durchgestanden und irgendwann kann es auch positiv weitergehen.

Wie läuft die Ausbildung* ab?

Sie dauert in der Regel zwölf Monate, einmal im Monat an einem Wochenende. An jedem Wochenende wird ein Thema behandelt, z.B. Selbstfürsorge oder Trialog. Wir machen häufig Gruppenarbeiten, manchmal Rollenspiele und wir diskutieren sehr viel. Es kommen auch Gäste, die aus ihrem Berufsalltag berichten. Zur Ausbildung gehören auch zwei Praktika, eines mit 40 Stunden, das andere mit 80. Es ist gewünscht, dass wir zumindest eines davon in der Genesungsbegleitung machen.

Praktika können wir überall dort machen, wo psychisch erkrankte Menschen auftauchen, zum Beispiel in der Eingliederungshilfe, in einer Klinik, beim Jobcenter, im Sozialamt oder beim sozialpsychiatrischen Dienst. Außerdem müssen wir ein Portfolio erstellen, in dem wir uns intensiv mit unseren eigenen Krisenerfahrungen und unserer Genesung auseinandersetzen. Wir halten Vorträge über unseren Genesungsweg und zum Abschluss einen Vortrag, für den wir uns ein Thema mit EX-IN-Bezug aussuchen dürfen.

Muss man noch andere Voraussetzungen erfüllen?

Man muss eine gewisse psychische Stabilität mitbringen. Da ist man sich aber auch noch nicht einig, was das genau bedeutet. Für mich bedeutet Stabilität nicht nur, wie lange ich nicht mehr in der Klinik war, sondern unter anderem auch ein Netzwerk zu haben, auf das ich zurückgreifen kann: Wie kann ich mich wieder auffangen, wenn mich etwas emotional getroffen hat? Denn mir ist bewusst, dass wir immer wieder in Krisen geraten können. Dann ist es wichtig zu wissen, wann hole ich mir wo Unterstützung, welche Freund:innen, Selbsthilfegruppen oder Beratungsstellen habe ich?

In welchen Bereichen kann man als EX-IN Genesungsbegleiter:in arbeiten?

Der erste und wesentliche Bereich ist die Genesungsbegleitung, also bei psychosozialen Trägern und Einrichtungen oder Kliniken, usw. Ein zweiter Bereich ist die Lehre, z.B. an Unis oder Ausbildungsinstituten, wo Menschen sind, die mit psychisch Erkrankten arbeiten möchten. Der dritte Bereich ist die Forschung; zumindest hier in Berlin gibt es inzwischen auch schon Peer-Forschung. Außerdem kann man sich selbstständig machen, aber dafür muss man super stabil sein.

Du machst dein Praktikum auf einer Borderline-Station in einer Klinik. Welche Aufgaben hast du dort?

Meine primäre Aufgabe ist, für die Patient:innen ansprechbar zu sein: mit ihnen bei einem Spaziergang Einzelgespräche führen oder mich mit ihnen zurückziehen und schauen, was sie gerade brauchen. Wo kann ich mit meinen Erfahrungen auch einfach nochmal einen anderen Blickwinkel einbringen? Dadurch, dass ich in der Selbsthilfe aktiv bin, ist das auch immer ein Thema, das ich einfließen lasse, weil das für mich einer der wichtigsten stabilisierenden Punkte in meinem Leben war und ist. Ich möchte andere dann dazu ermutigen, diese Wege auch auszuprobieren. Wenn sich Patient:innen beispielsweise nicht trauen, beim Krisendienst anzurufen, dann gehe ich mit ihnen dahin, um ihnen die Schwellenangst zu nehmen, unterstütze bei Behördengängen oder schwierigen Telefonaten.

Ansonsten bin ich zum Teil auch bei den Gruppenangeboten dabei und spreche dort über meine Perspektive. Es macht den Leuten Mut zu sehen, dass da jemand sitzt, der auch durch Krisen gegangen ist, aber jetzt soweit ist, dass sie hier sitzt, eine Ausbildung* macht und über ihre Erfahrungen sprechen kann. Auch im Team habe ich große Verantwortung. Ich werde zum Beispiel immer wieder gefragt: „Was können wir für unsere Klient:innen auf Station besser machen?“ In meiner ersten Woche habe ich gleich an einer Teamsupervision teilgenommen, was für alle total wertvoll war.

Wo liegen bei der Arbeit als Experte durch Erfahrung deine Grenzen?

Eine Grenze ist der medizinische Bereich. Ein Beispiel: Ich erzähle zwar über meine Erfahrungen mit Medikamenten, sage aber nie: Das sollst du nehmen und das nicht. Das ist eine wichtige Grenze, weil eindeutig medizinische Themen  nicht in der Ausbildung* vorkommen. Eine weitere Grenze ist akute Suizidalität bzw. Eigen- und Fremdgefährdung. In solchen Fällen würde ich mich an das Team wenden, da das ein Thema ist, das man alleine nicht bewältigen kann. Grenzen muss ich auch für die eigene Selbstfürsorge ziehen: Wenn es mir mal nicht gut geht, dann auch zu sagen, dass ich nicht so aufnahmefähig bin wie sonst. Diese Klarheit und Offenheit finde ich immer sehr wichtig.

Wird man von Betroffenen und dem Fachpersonal ernst genommen?

Ich hatte bisher immer das Gefühl, ernst genommen zu werden. Aber es mag bestimmt auch Einrichtungen geben, wo das nicht so ist. Bei einem meiner Klinikaufenthalte waren die Genesungsbegleiter:innen fremdbestimmt eingesetzt und haben Aufgaben der Stationshilfe übernommen. Das ist sehr schade. Letztens hat mir ein Pflegerkollege gesagt, dass man meinen könnte, dass ich keine Krisenerfahrungen hätte. Man könne sich ja ganz normal mit mir unterhalten. Und ich dachte mir, das hätte man damals auch, nur in den Kliniken bekommt man Personen in der Regel nur mit, wenn es ihnen schlecht geht. Ich sehe meine Aufgabe auch darin zu sensibilisieren: Verständnis für die Patient:innen dem Personal näher zu bringen, und umgekehrt genauso den Patient:innen das Verständnis für das Personal näher zu bringen, denn das sind auch nur Menschen, die ihre Arbeit machen. Ich versuche zwischen den Stühlen zu vermitteln.

Gab es bei deinen Klinikaufenthalten schon Genesungsbegleiter:innen? Hättest du es dir gewünscht und hätte es dir geholfen?

Leider gab es das nicht. Ich glaube das Verständnis wäre ein anderes gewesen. Wenn man Drehtür-Patientin ist, wie ich es war, und auf den Stationen viele so waren, wie soll man dann glauben, dass es besser werden kann? Wenn jemand da gewesen wäre, der gesagt hätte: „Ich kann Sie so gut verstehen. Ich bin da auch durchgegangen und habe Schlimmes erlebt im Klinikalltag oder in meinen Krisen, aber irgendwann kann es sich ändern“ hätte das nicht viel an meinem Krisenerleben verändert, aber es hätte mir einfach Mut gegeben.

Ist es für dich schwierig, dich von den Geschichten und Themen der Betroffenen abzugrenzen? Wie schaffst du das?

Für mich ist das nicht so schwierig, weil ich durch meine jahrelangen Erfahrungen in der Selbsthilfe schon viel Abstand zu Themen von mir und anderen gewinnen konnte. Wir lernen das auch in der Ausbildung*, weil wir durch die Gruppenarbeiten zu Themen wie Umgang mit Diagnosen, Krisen oder Genesung, viel von den anderen mitbekommen. Außerdem hat man als Genesungsbegleiter:in auch immer die Möglichkeit mit jemandem vom Team zu sprechen, wenn einen vielleicht mal etwas emotional berührt hat. Und es gibt die Supervisionen im Team, also viele Möglichkeiten, das nachzuarbeiten. Der wichtigste Punkt ist aber: Wie kann ich mir selbst helfen, wenn es mir nicht gut geht? Meiner Meinung nach ist das  eine Grundvoraussetzung, um gut als Genesungsbgleiter:in arbeiten zu können.

Was war für dich der entscheidende Grund, die Ausbildung zu machen?

Ich wollte immer in die Lehre und Forschung, weil ich mir immer gewünscht habe, dass man nicht abgestempelt wird und dass die Stigmatisierung, die wir Menschen mit Krisenerfahrungen erleben, nicht auch in psychiatrischen Kontexten vorhanden ist. Wenn jemand frisch an der Uni oder in der Ausbildung ist, kann man von Anfang an eine Vorstellung mitgeben, wie eine ideale Haltung aussehen könnte.

In welchem Bereich möchtest du als EX-IN-Genesungsbegleiterin tätig sein?

In die Lehre möchte ich nach wie vor, aber mittlerweile soll der Hauptpunkt die Genesungsbegleitung sein, weil ich einfach merke, es tut den Menschen gut und dann tut es mir ja auch gut. Wenn beispielsweise jemand sagt: „Das Gespräch letztens hat mir so gut getan, ich würde gerne wieder mit Ihnen sprechen“. Mehr Wertschätzung geht gar nicht. Wenn man mitbekommen hat, dass über einen nicht als Frau Luckow gesprochen wird, sondern über die Borderlinerin aus Zimmer 8, hatte man nicht mehr das Gefühl, dass das auf Augenhöhe passiert. Deshalb ist mein großer Wunsch, das psychiatrische System zu verändern. Das kann ich ich nur an der Basis.

Was gibt es noch zu sagen?

Ich möchte dafür kämpfen, dass der Beruf anerkannt wird und wir angemessen entlohnt werden. Ich versuche auch, mit anderen Genesungsbegleiter:innen in Diskussion zu bleiben, damit wir unser Licht nicht unter unseren Scheffel stellen lassen. Man muss wissen, dass die Ausbildung* kostenintensiv ist und sich das nicht jede*r leisten kann. Es gibt aber Möglichkeiten, sie finanziert zu bekommen, beispielsweise über das Jobcenter oder das persönliche Budget.

* Ausbildung meint keine Ausbildung im rechtlichen Sinne, sondern eine Qualifizierung.

Weitere Informationen zum Thema Experten durch Erfahrung

Du möchtest auch zur Expertin oder zum Experten durch Erfahrung werden?

Bei EX-IN Deutschland e.V. “Experten durch Erfahrung” findet man u.a. Informationen über die Ausbildung, über Ausbildungsorte und eine Stellenbörse.

Bettina Jahnke: EX-IN Kulturlandschaften: Zwölf Gespräche zur Frage: Wie gelingt Inklusion? Paranus Verlag 2014, 200 Seiten, 19,95 Euro. (Eine Buchbesprechung)

Jörg Utschakowski, Gyöngyvér Sielaff, Thomas Bock und Andréa Winter (Hg.): Experten aus Erfahrung. Peerarbeit in der Psychiatrie. Psychiatrie Verlag 2016, 296 Seiten, 30,00 Euro.

Dachverband Gemeindepsychiatrie (2016): Experten aus Erfahrung – Menschen mit psychischen Erkrankungen als Mitarbeiter in Behandlungsteams. Broschüre als PDF-Datei herunterladen.

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