Buch-Rezension: „Tür auf – Paul geht zur Psychotherapie“

„Psychotherapie ist wie eine Entdeckungsreise.“ – Das Bilderbuch Tür auf – Paul geht zur Psychotherapie von Tobias Ley und Suse Schweizer widmet sich einer ganz besonderen Aufgabe: Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, was eine Psychotherapie ist. Diese bis dato bestehende Lücke auf dem Buchmarkt kann Tür auf füllen, wenn auch nicht ganz passgenau.

Das Buch schildert den Erstbesuch von Paul, der sehr häufig Angst hat, beim Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten Herrn Lohse. Nach einem gemeinsamen Gespräch mit Paul und seinen Eltern nimmt Herr Lohse den Jungen an die Hand und zeigt ihm die verschiedenen Räume der Gemeinschaftspraxis, in der er arbeitet. Dabei lernt Paul Zimmer für Zimmer neue Kinder und ihre Therapeut:innen kennen und erhält einen Einblick in deren Therapie. Am Ende verlässt Paul mit seinen Eltern die Praxis und freut sich bereits auf seinen nächsten Besuch bei Herrn Lohse.

Tür auf besticht vor allem durch den Stil der Illustratorin Suse Schweizer: Mit lockeren, feinen Linien und kräftigen Aquarellfarben schafft sie Bilder, die nicht nur wundervoll zur Gattung Kinderbuch passen; sie schaffen es auch, die Leser:innen für den jungen Paul, den Therapeuten Herrn Lohse und deren Gang – besser: deren Reise – durch die Praxis einzunehmen. Kleine Kästchen, die an Comic-Strips erinnern, zeigen zu Beginn mit einem für ein Kinderbuch ungeahnten Fokus (Angst-)Situationen aus Pauls Alltag. Die Bilder, die in Guckkasten-Manier die unterschiedlichen Räume, Kinder und Therapeut:innen zeigen, sind mit zahlreichen liebevollen Details versehen und entfalten hier und da Wimmelbuch-Charakter à la Ali Migutsch. Besonders ins Auge fällt – etwa im Vergleich von Flur und Zimmern der Praxis – das Nebeneinander reduzierter und überbordender Illustrationen, die gemeinsam ein harmonisches Zusammenspiel entfalten.

Der Autor Tobias Ley, wie Herr Lohse im Buch selbst Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, richtet sich mit Tür auf gezielt an Kinder ab einem Alter von fünf Jahren, um diesen einen ersten Einblick in die kinder- und jugendlichenpsychotherapeutische Praxis zu geben. In einem Vorwort von Dr. Sabine Trautmann-Voigt (psychologische Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin sowie Leiterin der Köln-Bonner Akademien für Psychotherapie und Verhaltenstherapie) und einem Nachwort des Autors selbst werden darüber hinaus die „lieben Erwachsenen“, also die Eltern angesprochen. Dort vermitteln Trautmann-Voigt und Ley das Ziel der Geschichte um Paul, seine Angst und den Besuch bei Herrn Lohse.

Sprachlich und inhaltlich trifft der Autor in den meisten Fällen den richtigen (Farb-)Ton. Die Räume, die Schweizer visuell öffnet und mit Figuren versieht, füllt Ley anschaulich mit kleinen Geschichten, in denen er behutsam individuelle Schwierigkeiten und entsprechende therapeutische Möglichkeiten darstellt, ohne sein junges Publikum dabei zu überfordern. Der Autor greift an keiner Stelle vorschnell zum Diagnose-Stempel; stattdessen ist zum Beispiel von Ida, die sich in der Schule oft nicht konzentrieren kann, oder von Paul, der lange Zeit traurig war und wenig Energie hatte, die Rede. Vor diesem Hintergrund ist es umso bedauerlicher, dass einige wenige Bilder – sprachliche wie illustrierte –  auch für Kinderbuch-Verhältnisse überraschend schief geraten sind: Das Spielzeug-Tipi in Herrn Lohses Praxis, die nahezu beiläufige Erwähnung von Christoph Columbus als „berühmter Entdecker“ Amerikas sowie die Verkleidung von Lara und ihrer Therapeutin als „Samurai“ sind keine Extrembeispiele für kulturelle Aneignung, tangieren diese Grenze aber in jedem Fall.

Derart unreflektierte Darstellungen, die vom Autor nicht eingeordnet werden, sind in Kinderbüchern allgemein bereits recht problematisch; gerade in Tür auf, das – wie dem Nachwort des Autors zu entnehmen ist – unter anderem darauf abzielt, „Mythen und Ängste aufzulösen“, ist ihr bitterer Beigeschmack aber umso stärker: Sich der Entstigmatisierung und der Tilgung von Klischees und Vorurteilen in Bezug auf das Thema Psychotherapie zu verschreiben und genau diese in anderen Bereichen ohne Kontextualisierung (und damit Problematisierung) stehen zu lassen, funktioniert nicht.

Damit ist Tür auf – Paul geht zur Psychotherapie von Tobias Ley und Suse Schweizer ein liebevoll illustriertes und in weiten Teilen mit wachem Interesse geschriebenes Buch, das Kindern durchaus einen ersten Einblick in die Welt der psychischen Gesundheit und Psychotherapie zu geben vermag; in seiner Mission, Vorurteile und Stigmata abzubauen, kratzt es an vielen Stellen jedoch leider nur an der Oberfläche.

Tobias Ley, Suse Schweizer: Tür auf. Paul geht zur Psychotherapie

© BALANCE buch + medien verlag, Köln 2022, Reihe Kids in BALANCE

Hardcover, 60 Seiten

ISBN: 978-3-86739-267-9

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