Baustellenballade- Eine lärmende Metapher Teil 2

Welche Veränderungen braucht es im Außen, um mein Inneres zufriedenzustellen? 

Die Kellerräume sind fertiggestellt und das Erdgeschoss entsteht nun. Derweil besuchte ich viele Vorstellungsgespräche, besichtigte WGs und merkte jedes Mal mehr, was mir wichtig ist und hörte auf mein Gefühl. Wenn dieses nicht Ja schrie und den Kopf von all seinen analytischen Gedanken abhalten konnte, dann war es nicht das passende. 

Statt eines neuen Jobs suchte ich immer neue Möglichkeiten und fand zu freieren Vorstellungen und Ideen. Praktikumspläne und Weiterbildungsmöglichkeiten beflügelten mich, während draußen die Sonne schien und sich die Sonnenstrahlen auch in mir ausbreiten.

Allerdings scheint nicht jeden Tag die Sonne. Auch nicht in mir. An manchen Tagen kostet es mich enorm viel Kraft nicht in den kapitalistisch geprägten Gedankenstrudeln von Wertlosigkeit und Zukunftsangst zu versinken.

*Brrrrrrr psssssssss brrrrrrrrrrrr Krachpuffpeng brrrrrrrrr*

Reißt es mich aus meinen Gedanken und ich bin genervt. Spätestens um 7:00 Uhr in der Früh beginnen die lärmenden Bauarbeiten. 

Kackbaustelle und Kackmetapher. 

Veränderung macht so viel mit mir, dass ich manchmal nicht weiß, wo mir der Kopf steht.

Gerade jedenfalls brummt er, begleitet von einer Kakophonie aus lärmenden Geräten.

Und es bleibt die quälende Ungewissheit, wann es endlich leiser weitergeht.

Ich beschließe übers Wochenende eine Freundin zu besuchen. Kurzurlaub und intensiver Austausch inklusive Berufsberatung im Eiscafe. Raus aus meinem Alltag, aus den Gedankenkreisen und neues Erleben. 

Übers Reisen denke ich schon lange nach.

Doch hab ich es nie geschafft einen Plan zu machen und diesen in die Tat umzusetzen. Das macht mir Angst, aber es ist auch ein Abenteuer, das ich schon so so lange erleben möchte.

Weiter. Weltwärts. Auch wenn die Welt ganz schön verrückt spielt. Nicht nur mein kleiner, persönlicher Kosmos.

Reiselust und Fernweh machen sich immer mehr in mir breit. Doch lädt die aktuelle Lage nicht gerade dazu ein, die Welt zu erkunden. So vieles will ich im Leben noch sehen und entdecken. Und mich nicht in meiner kleinen Wohnung verstecken. 

Das Haus nebenan nimmt erste Formen an. Die Wände im Erdgeschoss stehen, es werden täglich mehr. In meinem Kopf ploppen neuerdings Ideen auf. Träume und Wünsche. Sie lassen mich neue Perspektiven sehen.

April 2022

Auf das Erdgeschoss folgt nun die Bebauung in die Höhe. Neue Böden und Wände wandern durch die Lüfte auf ihren Platz. Es schaut aus, wie ein riesiges 3D-Puzzle.

Immer häufiger frage ich mich, wie es wohl aussehen mag, wenn es fertig ist. Und wer wird darin wohnen?

Die gleiche Frage stelle ich mir in meinem Leben. Wie soll es aussehen, wenn ich fertig bin mit meiner Veränderung. Bin ich damit überhaupt jemals fertig? Ist das Leben inklusive Veränderungen nicht ein fortlaufender Prozess? So wie ein fertiges Haus auch weiterhin Pflege bedarf und sich durch die Menschen, die es bewohnen verändert. 

Langsam begreife ich, dass ich mein Haus nicht neu Bauen muss. Es gibt bereits ein solides Fundament, welches mich trägt. Aber ich hab eine Großbaustelle geschaffen, weil ich ausbauen möchte. Das Arbeitszimmer hat sich verändert. Und meine Freizeitanlage will vergrößert werden. Ich bin im Umbruch, aber ich bin niemals unvollständig, selbst wenn ein Zimmer einmal leersteht.

Ich will nicht nur reisen. Nein, ich will auch studieren. Anfangs ist es noch ein ganz zarter und roher Gedanke, den ich mich nie getraut habe zuende zu denken. Es bedeutet große Veränderungen. Und Veränderungen machen mir bekanntermaßen Angst. Genau wie finanzielle Einbußen und Schulden durch BaFög. Mehr Ausgaben durchs älter werden. Nicht nur, dass das Interrailticket ab 28 Jahren teurer wird, nein, auch die Krankenversicherung kostet für Studierende ab dem 30ten Lebensjahr monatlich doppelt so viel. Aber nichtsdestotrotz gefällt mir der Gedanke mir ein Studium zu ermöglichen sehr.

Träume dir dein Leben schön und mache aus diesem Traum deine Realität (Marie Curie)

Es ruft das Meer. Immer wenn ich es mir leisten kann verbringe ich Zeiten des Umbruchs am Meer, denn ich sehne mich nach der Weite. Der Beständigkeit im Unbeständigen. Nach dem Rauschen der Wellen, die meinen Kopf für einen Moment ruhig werden lassen und mir somit die Möglichkeit schaffen all meine wuseligen Gedanken neu zu sortieren.

Ich setze mich mit gesellschaftlichen Erwartungen auseinander, die mir einst suggerierten, wie (m)ein Leben im Idealfall verläuft. Meine Freund:innen haben inzwischen ihr Studium beendet, heiraten und planen oder bekommen Kinder. Würde mich das derzeitglücklich machen? Weiter zu arbeiten, um Geld zu verdienen, mir eine größere Wohnung einzurichten, Nachwuchs zu bekommen und dann für immer in der Rolle der liebenden Mutter aufzugehen? 

Nein! (Noch nicht.)

Ich merke, wie ich mich dafür rechtfertigen muss, diesem Lebensmodell und damit den Erwartungen mancher Menschen nicht zu entsprechen. Aber ich spüre auch, dass ich genug gewachsen bin, um diesen zu trotzen. Denn in meinem Leben gestalte ich mein Haus so wie ich es für richtig und gemütlich erachte und nicht so, wie andere es vielleicht schöner oder bequemer finden!

Der Lärm ebbt ab, es brummt und summt von Zeit zu Zeit

Eine Stimme flüstert: Los, du bist bereit!

Ich träume und male mir aus, wie es wird, wenn das Haus fertig eingerichtet ist. Doch bis dahin stehen noch einige Arbeiten an. Wie beispielsweise das Verputzen der Wände, Tapezieren und Böden verlegen sowie schlussendlich das Aussuchen der neuen Möbel. Ich weiß nicht, wie genau es ausschauen wird. Aber ich weiß, dass ich jeden dieser Schritt gehen werde und dabei dazu lerne. Und die Steine, die mir einst in den Weg gelegt wurden, die nehme ich und baue daraus einen hübschen, wenn auch etwas eigenwilligen Weg, der mich zu meinem selbst gestalteten Traumhaus führt. 

In ein paar Jahren werde ich auf die Zeiten meiner Großbaustelle zurückblicken und mich daran erfreuen, welch wunderschöne neue Räumlichkeiten ich mir geschaffen habe. Und ich werde stolz darauf sein, dass ich trotz der Ungewissheit, die Veränderung mit sich bringt, an mich und meine Träume geglaubt habe.

Credits für eine tolle Künstlerin und inspieriende Persönlichkeit Jaqueline Scheiber

https://www.minusgold.com/

ohne @minusgold (Instagram: https://www.instagram.com/minusgold/) würde es diesen Text nicht geben.

„Aus Trümmern zum Traumhaus“ ist eine Rezension über Jaqueline Scheibers Buch „Offenheit“ https://locating-your-soul.de/offenheit-rezension/

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