Baustellenballade – Eine lärmende Metapher Teil 1

Oktober 2021

Klirr. Klirr. Ich erschrecke, während ich vor meinem Laptop sitze und Stellenanzeigen anschaue. Nebenan fallen Ziegel von einem alten, schon lange leerstehenden Haus. Das Dach wird abgerissen. Dabei regnet es doch. Ich frage mich, was als nächstes passiert. 

Spoiler: Das frage ich mich in den nächsten Monaten häufiger.

Nichts passiert. Sehr lange passiert nichts. Dort steht nun ein einsames kleines Haus, ohne Dachziegel.

Veränderung tut manchmal weh

Doch wohin auch immer ich nun geh

Begleitet mich die Gewissheit, dass ich bald etwas anderes seh

November 2021

So friedlich stand es lange dort. Ein verlassener, ruhiger, vertrauter Ort. Nun ist er fort.

Lärm. Getöse. Qualm und Krach. Schrecklich, davon werd ich morgens wach.

Nach einigen lauten Wochen verblasst die Nebelwolke aus altem Beton und es bleiben Bruchstücke eines ehemaligen Zuhauses. Ruhe kehrt ein. In mir hingegen herrscht Chaos. Ich suche vergeblich Frieden. Lebensfreude und einen Ausweg aus meiner stetig wiederkehrenden Unzufriedenheit. Ein neuer Job? Umzug? Weitere Hobbies? Alles erscheint mir so banal. Ich bewerbe mich woanders, sage den Job dann aber ab, weil ich denke, ich halte meinen aktuellen noch ein wenig aus.

Alte Gewohnheiten lösen sich auf. Neue Wege bahnen sich an. 

Das Leben wird einmal durchgerüttelt und schaltet in den nächsten Gang.

Dezember 2021

Winterpause auf der Baustelle.

Hochphase an Stress und Anspannung in mir.

Ich liebe die Sicherheit und suche das Abenteuer,

Veränderungen allerdings sind mir nicht geheuer.

Januar 2022

Fahrzeuge rücken lärmend an. Ein riesiger Kran. Beeindruckend große Bagger. Und etwas ramponiert wirkende Raupen. 

LKWs voller Schutt und Boden verlassen das Grundstück. 

Es knarzt. Quietscht. Klirrt und scheppert. Ich will ausziehen. Fliehen. Weg von dem Lärm. 

Bauliche Veränderungen, die meine Lebensqualität inklusive meines Ruhebedürfnisses beeinflussen, sind gänzlich unerwünscht. 

Ich weigere mich so weiter zu machen. Neue Wohnung? Neuer Job und neue Wohnung? Wohin mit mir? Wie geht es weiter? 

Der Krach um mich herum erscheint mir ein passendes Sinnbild für meine innere Aufruhr zu sein.

Meine Nerven liegen blank.

Ich kündige.

Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung

Sagte schon einst Heraklit

Doch suche ich nach Sicherheit

Bin ich für solch große Schritte schon bereit?

Februar 2022

Veränderung steht an. Auf allen Ebenen. Ein neuer Job muss her. Nebenan wird weiter an dem Haus gebaut. Inzwischen ist der Keller ausgehoben und das Betonfundament gegossen. Nun beginnen sie mit dem Hochziehen der Wände.

Ich wünschte, ich könnte von mir behaupten weitergekommen zu sein. Stattdessen liegt mein Leben in Trümmern, wenigstens fällt meine aktuelle Einkommensquelle bald weg inklusive meiner beruflichen Perspektive. Jedenfalls denke ich manchmal „Ich werde für immer arbeitslos bleiben und ich kann ja auch gar nichts“. Es fühlt sich nicht nach vorankommen an. Sondern nach Ratlosigkeit. Wirrem Umherwandeln. Suchen nach Sinn. Einem neuen Weg. Es ist, wie auf der Baustelle nebenan. Erst reißen sie alles Alte nieder, um dann etwas Neues zu bauen. Etwas drastisch, aber gerade fühlt es sich genauso an. Ich wüsste zu gern, wie das Neugebaute aussehen mag.

Neues erleben, Altes aufgeben

Veränderung durchleben

Unruhe und Rastlosigkeit

Nervosität und Ungewissheit

Dinge geschehen

Von Zeit zu Zeit

März 2022

Der Abschied nagt noch an mir, aber erste neue Ideen keimen auf. Ich dachte, ich hätte einen neuen Job. Nahtlos übergehend von einem ins nächste „Dilemma“. Es lief fantastisch, ein inspirierendes Vorstellungsgespräch, Hospitation, für kompetent befunden und doch nicht eingestellt.  Ich hoffte, ich könnte es vermeiden, arbeitslos zu werden. Es fühlt sich falsch an, nicht „produktiv“ zu sein. Mein Selbstwert leidet unter dem Fehlen einer lohnbringenden Arbeit. Zeitweise fühle ich mich wertlos. Dabei weiß ich, dass das lediglich verinnerlichte Normen unserer kapitalistisch geprägten Leistungsgesellschaft sind.

Denn Arbeit mit mir selbst und diesem spannenden Findungsprozess hab ich alle Male. Und einen Antrag bei der Agentur für Arbeit zu stellen ist definitiv auch Arbeit. Dabei immer im Hinterkopf: es ist Jammern auf privilegiertem Niveau, denn immerhin gibt es dieses Auffangsystem bei Arbeitslosigkeit. 

Ich arrangiere mich mit dem Gedanken nun weniger Geld zu haben, aber dafür die Zeit und die mentale Kapazität mich mit meinen (beruflichen) Wünschen und Zielen auseinanderzusetzen. Quasi ein neues Fundament schaffen, auf welchem ich dann sicher bauen kann. Thats my job!

Von Zeit zu Zeit bemerke ich, dass ich nun anders bin, als noch vor einigen Wochen.

Die destruktiven Gedanken haben sich in den hintersten Winkel meines Kopfes verkrochen

und beobachten das Frühlingserwachen. 

Bis sie beschließen wieder Krach zu machen.

Denn Neues mögen sie nicht immer und machen Veränderungen damit nur schlimmer.

Begleitet von dem dunklen Schatten, vermissen sie, was wir mal hatten und der Blick ist noch zu getrübt, um zu sehen: Irgendwie wird es schon weitergehen.

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