Aufwachsen mit einem alkoholkranken Elternteil

Mandy sitzt zusammengesunken auf einem Baumstamm

Fast jedes sechste Kind wächst in einer Suchtfamilie auf. Ich war eins davon. Mein Vater war viele Jahre alkoholabhängig. Das hat meine Kindheit und Jugend sehr geprägt. Nie zu wissen, wie die Stimmung zuhause sein wird. Immer eine gewisse Grundspannung zu spüren. Sehr aufmerksam zu sein. Nie zu wissen, ob er sich vor anderen merkwürdig verhalten wird. Keine Freund*innen nach Hause einzuladen. Nicht darüber sprechen zu dürfen. Und alleine zu sein mit den Sorgen und Ängsten.

„Sprich nicht darüber“

Über die Erkrankung meines Vaters wurde nicht gesprochen – erst recht nicht mit uns Kindern. Aber natürlich bekommt man mit, wenn es ständig Streit gibt. Natürlich wird man davon wach, wenn neben dem Kinderzimmer jede Nacht Flaschen klappern. Natürlich macht man sich Sorgen und entwickelt Ängste. Erst recht, wenn nicht darüber gesprochen wird. Noch heute merke ich, dass es mir schwer fällt, über die Zeit zu sprechen. Weil mir immer vermittelt wurde: Darüber darf man nicht sprechen.  

„Du wirst selbst krank“

Eine große Sorge von mir war, selbst abhängig zu werden. Denn überall liest man, dass Kinder von suchtkranken Eltern oft selbst erkranken. Davor hatte ich schon immer Angst, denn so wollte ich nicht werden. Deshalb habe ich in meinem Leben auch noch nie ein Glas Alkohol getrunken. Und auch, weil ich damit nur schlechte Erinnerungen verbinde. Laut der NACOA (Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien) entwickelt ein Drittel der Kinder aus Suchtfamilien selbst eine Suchterkrankung. Und ein weiteres Drittel entwickelt eine andere psychische Störung. So auch ich. Essen wurde zu etwas, das ich kontrollieren konnte – im Gegensatz zu der Situation zuhause. Ich entwickelte eine Essstörung, die mich, zusammen mit meiner sozialen Angststörung, bis heute begleitet. 

„Du bist schuld“

Viele Kinder von psychisch Erkrankten entwickeln Schuldgefühle. Auch ich habe mich oft schuldig gefühlt: War ich zu anstrengend und eine zu große Belastung? War ich eine schlechte Tochter? Was hätte ich anders machen müssen, damit er gar nicht erst erkrankt wäre? Oder damit er wieder gesund geworden wäre? Inzwischen weiß ich, dass mich keine Schuld trifft. Aber in meinen Gefühlen ist das noch nicht wirklich angekommen. Da sind die Schuldgefühle sehr stark verankert – verstärkt durch Aussagen aus meinem Umfeld, die mir damals ebenfalls das Gefühl vermittelt haben, für die Erkrankung verantwortlich zu sein. 

Ich darf darüber sprechen!

Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, wie befreiend es sein kann, trotzdem darüber zu sprechen. Auch wenn es nicht einfach ist. Ich habe mehrere Psychotherapien gemacht, in denen besonders auch die Schuldgefühle immer wieder eine Rolle gespielt haben. Ich habe einen Partner an meiner Seite, der mir zuhört und mich in den Arm nimmt, wenn ich von schlechten Erinnerungen überfallen werde. Und der mich immer wieder daran erinnert: Ich bin nicht schuld.

Sammelt Mutmomente und lässt ihren Tag am liebsten mit einer Tasse heiße Schokolade ausklingen. Liebt es zu tanzen und über ihr Herzensthema zu schreiben: Antistigma von psychischen Erkrankungen.

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