Alltag mit Sozialer Phobie: Ich kann nicht immer mutig sein

Eine Frau liegt im Bett und zieht sich die Bettdecke halb über ihr Gesicht.

Der Alltag mit Sozialer Phobie braucht eine Menge Mut. Als kleines Mädchen habe ich mir immer gewünscht, mutig zu sein. Ich hatte das Gefühl, im Leben nur als mutiger Mensch etwas erreichen zu können. Ich dachte, dass nur mutige Menschen von anderen gemocht werden. Mutig sein bedeutete für mich, laut die eigene Meinung zu vertreten. Etwas zu wagen und sich immer wieder großen Herausforderungen zu stellen. Erst Jahre später merkte ich, dass Mut für jeden Menschen eine individuelle Bedeutung hat. Wenn mir heute jemand sagt: „Das finde ich total mutig von dir“, gehört das zu den schönsten Komplimenten, die man mir machen kann. Denn diese Aussage bedeutet für mich auch, dass die andere Person für meine Ängste Verständnis zeigt. Dass sie erkennt, dass kleine Herausforderungen etwas ganz Großes sein können.

Der Alltag mit einer Sozialen Phobie braucht ständig Mut

Wenn ich morgens aufwache, erwacht auch meine Soziale Phobie. Sie erinnert mich an alles, was ich an diesem Tag machen muss. Sie hält mir vor Augen, wie ich mich blamieren könnte und was Andere schlechtes über mich denken könnten. Gibt es an einem Tag nur wenig, was der Sozialen Phobie Besorgnis erregt, nutzt sie die Zeit, um sich angstvolle Situationen auszumalen, die in einem Monat oder in zehn Jahren stattfinden könnten. Wenn noch Zeit übrig ist, hält mir die Soziale Phobie alle vergangenen sozialen Situationen vor, für die ich mich  im Nachhinein noch schämen könnte.

Durch die Soziale Phobie brauche ich Mut, um…
… mein WG-Zimmer zu verlassen und in die Küche oder das Bad zu gehen
… zu telefonieren
… Einkaufen zu gehen.
… in der Küche zu stehen und zu kochen.
… bei der Arbeit mit den Kolleg:innen Smalltalk zu führen.
… an Videokonferenzen teilzunehmen – vor allem mit Kamera und Mikrofon.
… vor anderen Menschen zu sprechen.
… draußen spazieren zu gehen.
… Bus zu fahren.
… mich mit Freund:innen zu treffen.
… vor anderen Menschen zu essen und zu trinken.
… E-Mails und Nachrichten zu schreiben.

Das ist eine ganze Menge. Man kann sich sicherlich vorstellen, dass es eine Menge Mut braucht, um den Alltag zu bewältigen. Es gibt keinen Tag, an dem keine dieser Situationen vorkommt. Das heißt, es gibt auch keinen Tag, an dem keine Angst in mir ist. Meistens bestehen meine Tage sogar eher aus mehreren solcher Situationen.

Soziale Phobie: Mal schreit sie laut, mal flüstert sie leise

Meine Soziale Phobie ist an manchen Tagen mehr präsent, an anderen weniger. Manchmal schreit sie so laut, dass ich mir am liebsten die Ohren zuhalten möchte. Manchmal ist sie nur ein leises Flüstern. Ob sie laut oder leise ist, hängt immer damit zusammen, wie viele Angstmomente auf mich warten und wie ich mich an dem Tag allgemein fühle. Manchmal schreit die Soziale Phobie aber auch einfach willkürlich laut herum. An solchen Tagen ist es besonders schwierig, mutig zu sein. Ich würde mich dann am liebsten in meinem Bett verkriechen und weit weg von jeglichen sozialen Situationen bleiben. Manchmal mache ich das dann genau so. Manchmal schaffe ich es aber auch, genug Mut zusammenzunehmen, um mich doch den angstvollen Herausforderungen zu stellen. 

Manchmal ist meine Mut-Sammlung aufgebraucht

Bei Angststörungen wird ständig gesagt, dass man mutig sein und sich immer seinen Ängsten stellen muss, damit die Ängste verschwinden können. Da ist natürlich auch viel Wahres dran: Nur wenn ich die angstvolle Situation durchlebe und überlebe, merke ich, dass in der Situation nichts Schlimmes passiert. Je länger ich eine Situation vermeide, desto stärker wird die Angst und die Soziale Phobie nutzt die Zeit, um sich die wildesten Angstszenarien auszumalen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich mich nicht immer jeden Tag allen Ängsten stellen kann. Schließlich besteht mein Alltag oft aus einer Aneinanderreihung von angstbesetzten Situationen und erfordert eine Menge Mut. Wenn die Soziale Phobie laut schreit, es viele Herausforderungen gibt und wenig Zeit, um wieder zur Ruhe zu kommen, ist mein Mut irgendwann aufgebraucht und reicht nicht, um mich allen Herausforderungen eines Tages zu stellen. 

„Aber du heißt doch Mutsammlerin!“

Wie oft ich mir diese Aussage schon anhören musste, seitdem ich unter dem Namen Mutsammlerin über mein Leben mit der Sozialen Phobie schreibe. Und jedes Mal kann ich darüber nur den Kopf schütteln. Nur weil ich Mutsammlerin heiße, bedeutet das doch nicht, dass ich immer mutig bin und keine Ängste mehr habe. Mir diesen Namen zu geben, heilt mich nicht plötzlich von der Sozialen Phobie. Außerdem gehört es zu meinem Verständnis des Wortes Mutsammlerin, dass sich mal mehr und mal weniger Mut in meiner Sammlung befindet. 

Mutsammlerin, die
Wortart:
Substantiv, feminin
Bedeutung: weibliche Person, die Mut sammelt 
Beschreibung: Eine Mutsammlerin ist eine Person, die Mut sammelt, um sich immer wieder ihren Ängsten zu stellen. Sie schöpft aus Mutmomenten Kraft und neuen Mut. Diese bewahrt sie in ihrer Mutsammlung auf, aus welcher sie sich in zukünftigen Angstmomenten bedienen kann. Um ihre Mutsammlung weiter aufzufüllen, trinkt sie gerne in Ruhe eine Tasse Mutschokolade.

Ich setze mich oft unter Druck, weil ich denke, dass ich immer mutig sein muss. Dass ich mich immer meinen Ängsten stellen muss und es nicht vorkommen darf, dass ich eine Situation vermeide. Aber das kommt vor, oft sogar, und mich darüber zu ärgern macht es nicht gerade einfacher. Man kann sich nicht immer allen Ängsten stellen. Man kann nicht immer mutig sein. Und das ist auch okay. Denn Mut bedeutet auch, auf sich selbst zu achten.

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